Porträt der Woche: Viktor Orbán

Ungarns Premier Viktor Orban hat viele Feinde. Zum christlichen Politiker ist er spät gereift.

Viktor Orbán im Porträt
Anti-Kommunist war Orbán stets, zum christlichen Politiker ist er spät gereift: Ungarns Premier Viktor Orban. Foto: dpa

Wenn das dem spätmittelalterlichen Landsknechtsführer Georg von Frundsberg zugeschriebene Motto „Viel Feind, viel Ehr“ stimmt, braucht sich Ungarns Regierungschef um einen Mangel an Ehre nicht zu sorgen. Die Schar seiner Kritiker, Gegner und Feinde ist groß und bunt. Zuletzt diagnostizierte das Magazin „Foreign Affairs“ das „Absterben der Demokratie“ im EU-Mitgliedsland Ungarn; der „Economist“ sieht Orbán als Autokraten. Polarisiert hat der Fußball-Fan immer: Im Juni 1989 forderte der damals 26-Jährige in einer öffentlichen Rede den Abzug der Roten Armee aus Ungarn – und war schlagartig im ganzen Land bekannt. Provokation und Polarisierung sind ihm auch heute vertraut. Orbán ist ein Kämpfer, der hart auszuteilen und – wie die Wahlniederlage im Jahr 2002 zeigte – gut einzustecken versteht.

Kampfeslustig und machtbewusst führt Orban die Regierung

Anti-Kommunist war Orbán stets, zum christlichen Politiker ist er spät gereift. Calvinistisch getauft, wandte er sich erst unter dem Einfluss seiner katholischen Frau Anikó Lévai und seines Freundes Zoltán Balog der Religion zu. Balog ist calvinistischer Geistlicher und Fidesz-Politiker, das „spirituelle Herz“ der Regierung, wie ein Insider meint. Ihr Kopf aber ist und bleibt Viktor Orbán selbst, der kampfeslustig und machtbewusst Ungarns Regierung und die Regierungspartei Fidesz führt.

Seit er sich dem Glauben zuwandte und mit 39 Jahren die Konfirmation nachholte, hält Orbán Religion für alles andere als eine Privatsache. Nach der Wahlschlappe, die ihn 2002 das Amt des Regierungschefs kostete, sagte er vor seinen Anhängern: „Nur einen Menschen, der seinen Glauben verloren hat, kann man besiegen.“ Seit er 2010 an die Spitze zurückgekehrt ist, werkt er an dem, was sein Vorbild Helmut Kohl einst als „geistig-moralische Wende“ bezeichnete. Damals, 1982 unter Kohl, blieb sie wegen der FPÖ auf der Strecke. In Ungarn will sich Orbán keinesfalls von liberalen Kräften bremsen oder auf Wirtschaftsreformen reduzieren lassen. Er will, dass die Ungarn auf ihre christliche Geschichte stolz sind, und die aus dem Glauben kommenden Werte gegen einen importierten Islam einerseits und einen westlichen Relativismus andererseits verteidigen.

Lust an Polemik und Polarisierung

Die Missverständnisse zwischen Orbán und der christdemokratischen Parteienfamilie EVP haben zwei Ursachen: Da ist Orbáns Entschlossenheit, Ehe und Familie gegen die vermeintlich moderne Idee einer gleichberechtigten Vielfalt der Lebensformen zu verteidigen. Da ist zugleich Orbáns Lust an Polemik und Polarisierung, die mit der Brüsseler Neigung zum Konsens immer wieder hart kollidiert. Dass Orbán oft verbal schärfer würzt als er später politisch serviert, hat sich aber auch schon herumgesprochen.