Würzburg

Porträt der Woche: Heinrich Faust

„Faust I“ muss zur kulturellen Grundausstattung jedes angehenden Abiturienten gehören.

NRW will Faust streichen
Ab 2021 soll Goethes Momumental-Werk "Faust I" aus dem Prüfungskanon für Gymnasiasten in Nordrhein-Westfalen gesrichen werden. Foto: Herold (dpa)

Man erinnert sich unwillkürlich an Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Was das NRW-Schulministerium jetzt angekündigt hat, ist jedenfalls ein Baustein in Sarrazins Diagnose. Denn für die NRW-Gymnasiasten fällt ab 2021 Goethes monumentales Werk „Faust“ aus dem Prüfungskanon. Die Begründung dafür ist dürftigst und eines „Kultus“-Ministeriums unwürdig: „Um über die Jahre hinweg die ganze Breite der Fächer im Abitur berücksichtigen zu können, wechseln die Fokussierungen in allen Fächern regelmäßig – in etwa im Abstand von drei bis vier Jahren.“

Der "Faust" als ephemeres Werk?

Der „Faust“, eines der größten Werke nicht nur der deutschen, sondern der Weltliteratur, als ephemeres Werk? Als Werk mit einer Halbwertszeit von drei oder vier Jahren? Man fasst es nicht. Dieser Heinrich Faust (im Bild dargestellt von Will Quadflieg) und die Auseinandersetzung mit ihm gehörte bis jetzt zum deutschen Bildungskanon. Man fasst auch nicht die Alternative: An Stelle des „Faust“ soll nun Lessings „Nathan der Weise“ treten, wie es in den neuen Abiturvorgaben heißt. Wir wollen mal nicht unterstellen, dass Lessings „Nathan“ vor allem wegen der Weichzeichnung des Islams und des Massenschlächters Sultan Saladin als Pflichtlektüre aufgenommen wurde. Im Übrigen: Was spricht dagegen, dass „Faust“ und „Nathan“ gelesen werden?

"Faust I" wirft Fragen auf, die zeitlos sind

Ja, „Faust I“ muss zur kulturellen Grundausstattung jedes angehenden Abiturienten gehören, „Faust II“ muss nicht unbedingt sein. Denn allein „Faust I“ wirft Fragen auf, die zeitlos sind. Wer angehenden „Studierberechtigten“ so etwas vorenthält, der verweigert ihnen ein Nachdenken über immerwährende Menschheitsfragen, wie sie in dieser Fülle und Dichte in kaum einem anderen Werk der Weltliteratur vorkommen – Menschheitsfragen, wie sie sich zu Redensarten verdichteten haben: „Dass ich erkenne, was die Welt // Im Innersten zusammenhält." „Denn was man schwarz auf weiß besitzt, // Kann man getrost nach Hause tragen.“ „Der Worte sind genug gewechselt, // Lasst mich auch endlich Taten sehn.“ „Ein garstig Lied! Pfui, ein politisch Lied.“ „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ „Was du ererbt von deinen Vätern hast, // erwirb es, um es zu besitzen.“ „Zwar weiß ich viel, doch möcht ich alles wissen.“ Und natürlich die „Gretchen“-Frage: „Nun sag, wie hast du's mit der Religion?“

Wer angehenden Abiturienten solches vorenthält, der betreibt Kultur- und Sprachbarbarei. Der hält populistische Erleichterungs- und Gefälligkeitspädagogik für Bildung. Er macht aus Lehrplänen Leerpläne. Und er kappt eine Wurzel großer deutscher Geistesgeschichte.