Rom

Porträt der Woche: Giuseppe Conte

Man hat ihn in den Hinterzimmern der Macht gewogen – und für gut befunden: den smarten Juristen Giuseppe Conte.

Italienischer Ministerpräsident im Porträt
Ein Mann ohne Parteibuch und ohne Anhängerschaft muss nicht unbedingt schwach sein. Bestes Beispiel: Giuseppe Conte. Foto: Michael Kappeler (dpa)

Als am vergangenen 30. August der 95 Jahre alte Kardinal Achille Silvestrini zu Grabe getragen wurde, entstand beim Requiem in Sankt Peter ein bezeichnendes Bild. Das Foto zeigt im Vordergrund Papst Franziskus, dann den Sarg des greisen Würdenträgers, und gleich dahinter Giuseppe Conte, seines Zeichens italienischer Ministerpräsident. Conte war als Student in den achtziger Jahren Gast der Villa Nazareth, jener Gründung Silvestrinis, die als Elite-Kolleg jungen Akademikern den Geist der liberalen, modernen und durch das Konzil gereiften Kirche vermitteln wollte. Silvestrini war ein Netzwerker, graue Eminenz hinter der vatikanischen Ostpolitik Agostino Casarolis und ein Bezugspunkt für zahlreiche Kirchenmänner, die – wie Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin – in der Kurie ihren Dienst versehen. Als der „Club von Sankt Gallen“ im Vorkonklave 2005 das Pontifikat Joseph Ratzingers verhindern wollte, traf man sich in der Villa Nazareth. Viele Kurialen verdanken Silvestrini ihre Laufbahn. Und auch Conte wollte seinem alten Gastgeber die letzte Ehre erweisen.

Conte profitierte vom politischen Selbstmord Salvinis

Viel mehr weiß man nicht darüber, welchen Geistes Kind der italienische Regierungschef nun ist, der als parteiloser Rechtsprofessor in der Regierung von Matteo Salvini und Luigi Di Maio eine Art Gewährsmann dafür war, dass der Regierungsvertrag zwischen „Lega“ und Fünf-Sterne-Bewegung eingehalten wurde.

Das änderte sich im vergangenen Sommer, als der „Lega“-Chef politischen Selbstmord beging und den Weg freimachte für eine neue Regierung, an deren Spitze nicht – nach Neuwahlen – Salvini stand, sondern wieder Conte. In den Hinterzimmern der Macht hatte man den smarten Juristen gewogen – und für gut befunden. Jedenfalls gut genug, um dem Land eine stabile Mehrheit im Parlament zu geben, mit der man in zwei Jahren den neuen Staatspräsidenten wählen kann, ohne dass eine durch Neuwahlen gestärkte „Lega“ allzu viel mitreden kann.

Die rechte Opposition will Conte als Kammerdiener Merkels darstellen

Ein Mann ohne Parteibuch und Anhängerschaft muss nicht unbedingt schwach sein. Schon Giulio Andreotti hatte es verstanden, sich trotz einer dünnen Basis als Zünglein an der Waage über Jahrzehnte zu halten. Conte gewinnt nun an Statur, er ist jetzt wirklich der Regierungschef und gibt die Richtung vor: Etwa die, dass Italien nun wesentlich europafreundlicher ist.

Der, der ihn in die Politik geholt hatte, Di Maio, ist nun Außenminister – aber folgt der Linie seines Chefs und hat seine Schmähreden gegen Brüssel oder Merkel und Macron eingestellt, als deren Kammerdiener die rechte Opposition Conte nun hinstellen will.