Polen lieben diese Worte der Entschuldigung

Kanzlerin Merkel hat bei der Gedenkfeier zum Beginn des Zweiten Weltkriegs alles richtig gemacht – Die Zankerei zwischen Russland und Polen geht weiter

„Gdzie dwóch siê bije, tam trzeci korzysta”, wenn zwei sich streiten, hat der Dritte einen Nutzen davon. Ein polnisches Sprichwort, das so ähnlich auch im Deutschen existiert. Mit dem Unterschied, dass sich der Dritte in der deutschen Fassung über den Streit der beiden anderen freut. Eine Freude, in der etwas Schadenfreude mitschwingt, aber natürlich auch die Freude über den eigenen Vorteil. Viel spricht dafür, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel diese komplexe Gefühlsmischung erlebt hat – ausgerechnet beim 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen, einem Ereignis, das eigentlich völlig ungeeignet erscheint, Freude oder Nutzen zu empfinden. Zumal auf deutscher Seite, der Seite der historischen Täter.

Doch, so selbstverständlich wie Merkel bei ihrer Rede im Rahmen der zentralen Gedächtnisfeier auf der Westerplatte im polnischen Danzig, wo mit dem Beschuss durch das deutsche Kriegsschiff „Schleswig-Holstein“ der Überfall auf Polen und damit der Zweite Weltkrieg begann, die historische Verantwortung Deutschlands betonte und in Respekt vor den Opfern „aller Polen“ gedachte, „denen unter den Verbrechen der deutschen Besatzungsmacht unsägliches Leid zugefügt wurde“, denn „kein Land hat so lange unter der deutschen Besatzung gelitten wie Polen“, genauso selbstverständlich verweigerte ein anderer Staatschef, der als Gedenkfeiergast nach Danzig gekommen war, Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin, ein historisches Schuldeingeständnis. Er setzte damit der seit Tagen in den polnischen Medien grassierenden Missstimmung zwischen Polen und Russland die Krone auf.

Keine Entschuldigung für den im August 1939 unterzeichneten Hitler-Stalin-Pakt, keine öffentlich-rhetorische Reue für die systematische Ermordung von 15 000 polnischen Offizieren im Wald von Katyn durch den sowjetischen Geheimdienst. Stattdessen betonte Putin bei seiner Rede in Danzig, dass der Vertrag zwischen Hitler und Stalin nicht der alleinige Auslöser für den deutschen Überfall auf Polen gewesen sei, dem knapp drei Wochen später der Einmarsch der Sowjetarmee folgte: Wer objektiv über die Geschichte sprechen wolle, so Putin, müsse wissen, dass damals „alle Beteiligten“ viele Fehler begangen hätten. Am Ende seien Polen und Russen „Waffenbrüder im Kampf gegen einen gemeinsamen Feind“ gewesen. Für viele Polen sind solche Worte nicht genug und taugen wenig zur Vertiefung der Brüderschaft. Zumal nach der großen Aufregung der vergangenen Tage, in denen der Rechtsexperte des russischen Außenministeriums, Oleg Khlestov, in einem Fernsehinterview mit Blick auf bisher noch unveröffentlichte Akten des polnischen Geheimdienstes der historischen polnischen Regierung eine „anti-sowjetische Kollaboration mit Hitler“ unterstellte, den Ribbentrop-Molotow-Vertrag als „nicht amoralisch“ bezeichnete und die damaligen polnischen Politiker für den Verlust von sechs Millionen ihrer Landsleute verantwortlich machte. Starker, geschichtsrevisionistisch riechender Tobak, der dem nach allen Seiten um Ausgleich bemühten polnischen Regierungschef Donald Tusk im Vorfeld der Feierlichkeiten sichtlich ungelegen kam.

Bei einer Pressekonferenz gab Tusk sich wortkarg-schlichtend. Bei seiner Rede auf der Westerplatte suchte er den Weg der offensiven Mitte. Man sei zusammengekommen, so Tusk, der selbst aus Danzig stammt und Historiker ist, um daran zu erinnern, „wer in diesem Krieg der Angreifer und wer das Opfer war“. Man dürfe die Geschichte weder vergessen noch fälschen. Ohne „aufrichtiges Gedenken und die Wahrheit“ könnten Polen, Europa und die Welt nicht sicher sein. Ein rhetorischer Balanceakt: weniger zwischen Deutschland und Polen als zwischen Russland und Polen, zwischen Putin und der eigenen Bevölkerung vor den Fernsehgeräten. Dass derartige in den Medien ausgestrahlte Feierlichkeiten für die polnische Bevölkerung eine wichtige Bedeutung haben, daran besteht für den Medien-Experten Wies³aw Godzic, Professor an der Warschauer Universität für Sozialpsychologie, kein Zweifel. Im Gespräch mit der „Tagespost“ macht Godzic klar: „Die Leute erwarten bestimmte Schlüsselwörter von den Politikern, bestimmte Gesten. Das ist manchmal wichtiger als der eigentliche Inhalt einer Rede.“

Aus Sicht von Godzic hat Kanzlerin Merkel bei ihrer Rede alles richtig gemacht: „Sie hat das gesagt, was die Polen aller Generationen hören wollen. Auch wenn dies nicht das erste Mal war und die Generationen sich wandeln – für das deutsch-polnische Verhältnis bleibt es wichtig, dass man von deutscher Seite bei solchen Anlässen immer wieder auf die deutsche Schuld und Verantwortung zu sprechen kommt, um Versöhnung bittet. Es kann weniger werden, doch es sollte bleiben. Polen lieben diese Worte der Entschuldigung.“

Eine Strategie, wenn dieser Ausdruck in diesem Zusammenhang erlaubt ist, die in der vergangenen Woche auf deutscher Seite unabgesprochen, doch nahezu mustergültig geübt wurde. Mit glänzenden Ergebnissen in den polnischen Medien: So stieß die Tatsache, dass 140 deutsche Intellektuelle sich an einer Kampagne unter dem Motto „Wir bitten um Verzeihung für 1939, wir danken für 1989“ beteiligt haben, in Polen auf viel Beifall. Der deutsche und der sowjetische Überfall auf Polen seien ein Vorspiel zum vernichtenden Krieg und der kommunistischen Unterjochung Osteuropas gewesen, heißt es in der gemeinsamen Erklärung. Auf eine solche Erklärung aus Russland warten die Polen bis heute.

Auch die gemeinsame Erklärung der deutschen und polnischen Bischöfe zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns passte wunderbar in die Reihe der aus polnischer Sicht politisch-korrekten Auftritte deutscher Repräsentanten aus Anlass des Jahrestages. Genauso wie eine aktuelle Ausstellung des Deutschen Historischen Museums zum Jahrestag des Überfalls und die Erinnerung an das durch den Krieg ausgelöste Leid. Auch die soeben erschienene polnische Ausgabe der Studie über die „Verbrechen der Wehrmacht“ vom Mitarbeiter des Deutschen Historischen Instituts in Warschau, Jochen Böhler, wurde in Polen positiv aufgenommen. Als „Pflichtlektüre“ empfahl die polnische Boulevardzeitung „Fakt“ ihren Lesern das Buch. Dies alles begleitet von der empört-aggressiven Kontroverse mit dem russischen Rechtsexperten Oleg Khlestov, der russischen Regierung und einer unverhohlenen Enttäuschung über die Abwesenheit des amerikanischen Präsidenten bei den Feierlichkeiten in Danzig auf allen Kanälen. Einziger Lichtblick: Das geläuterte Deutschland, ein Deutschland, das sich entschuldigt und die Versöhnung sucht.

Inmitten dieser überraschenden neuen deutschen Sympathie-Welle angesichts des Kriegsbeginns sorgte lediglich die etwas späte Präsentation einer von der Konrad-Adenauer-Stiftung finanzierten Umfrage am Vortag des 1. September für eine schon überwunden geglaubte Eintrübung des deutsch-polnischen Verhältnisses. Dort stellte man neben einer „deutlichen Verschlechterung“ des deutsch-polnischen Verhältnisses fest: „20 Jahre nach der Wende in Europa sind die polnisch-deutschen Beziehungen kritischer und distanzierter geworden. Eine nüchterne, pragmatische Einschätzung breitet sich aus.“ Schwarzseherei in Angela Merkels eigenen Reihen trotz der aktuellen Schönwetterlage?

Für den polnischen Medienexperten Wies³aw Godzic bedeutet Pragmatismus nichts Negatives: „Wir Polen bewundern die deutsche Gründlichkeit, Zuverlässigkeit. Unsere Gesellschaft ist insgesamt moderner, kapitalistischer geworden. Die Deutschen werden aus dieser Perspektive durchaus als fähige Manager akzeptiert. Mit Deutschen kann man erfolgreiche Geschäfte machen! Mit Russen, die sich gerne wie die Herren der Welt aufspielen, dabei aber unzuverlässig sind, geht das nicht. Trotz gemeinsamer slawischer Mentalität.“ Godzic hofft deshalb, dass auf diesem pragmatischen Weg Deutsche und Polen immer mehr zu „guten Nachbarn“ werden, sich für die Kultur der anderen Seite öffnen. Was nicht zwangsläufig mit dem Verlust von Werten verbunden sein muss.

Deutlich an die Adresse der Kanzlerin gerichtet, nannte Putin bei seinem Besuch in Polen die „Demütigung“ Deutschlands durch den Versailler Friedensvertrag 1919 einen schweren Fehler. Auch lobte er neben dem Mut der Soldaten der Anti-Hitler-Koalition jenen des deutschen Widerstands im Dritten Reich. Was den polnischen Ex-Bürgerrechtler Adam Michnik in der „Gazeta Wyborcza“ zu der Replik veranlasste: „Solange der russische Regierungschef die deutschen Antifaschisten ehrt, aber die Opfer des Stalin-Terrors übergeht, ist er unglaubwürdig.“ Womit wir wieder beim eingangs zitierten Sprichwort wären. In deutscher oder in polnischer Fassung.