Papst solidarisch mit Verfolgten

„Islamischer Staat“ entführt Christen in Syrien – Franziskus erinnert an „die Märtyrer von heute“ – Bisher 10 000 IS-Kämpfer getötet

Homs/Rom/Washington (DT/dpa/KNA) Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) hat nach Angaben von Aktivisten in Syrien 230 Menschen entführt, unter ihnen mindestens 60 Christen. Wie die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Freitag meldete, wurden die Menschen von den Dschihadisten in der Stadt Al-Karjatain der Provinz Homs verschleppt. Einige der Christen seien direkt aus einer Kirche heraus entführt worden. Aus syrischen Regierungskreisen verlautete, dass unter den Geiseln 45 Frauen und 19 Kinder seien. Laut Menschenrechtsbeobachtern tragen die Dschihadisten Namenslisten bei sich von Personen, die sie gefangen nehmen wollen.

IS-Milizen hatten Al-Karjatain am späten Mittwochabend erobert und Regierungstruppen aus der Stadt gedrängt. Nach Informationen aus Kirchenkreisen sind von der Eroberung auch das syrisch-katholische Kloster Deir Mar Elian und die verbliebenen christlichen Familien betroffen. Über deren Schicksal gebe es keine Nachrichten. In dem Kloster selbst lebt kein Mönch mehr, nachdem der Leiter der Gemeinschaft, der französische Priester Jacques Mourad, am 21. Mai verschleppt wurde. Von ihm fehlt seither jede Spur. Den Angaben zufolge griffen die Islamisten mit drei Selbstmordattentaten auf Kontrollposten an. Anschließend seien die Milizen in den Ort vorgerückt. Die Regierungsarmee habe mit dem Abwurf von Fassbomben geantwortet, aber keine Bodenoffensive für eine Rückeroberung unternommen. Eine Familie starb den Informationen zufolge, als sie auf der Flucht von einer Detonation erfasst wurde.

Wie viele Zivilisten bei der Einnahme durch den IS und die Bombardierung ums Leben kamen, ist unbekannt. Angaben aus Syrien zufolge wurden bei den Kämpfen 37 Angehörige der Regierungstruppen und 23 Rebellen getötet. Der verschleppte Leiter des Klosters, Mourad, war im christlich-islamischen Dialog engagiert. In diesem Rahmen arbeitete er in den vergangenen Jahren eng mit dem örtlichen Mufti zusammen. Mourad galt als erfahren in Verhandlungen mit Aufständischen wie mit Regierungstruppen. Der Stadt blieben Zerstörungen bisher erspart. Im Winter 2013/2014 bot das Kloster hunderten Vertriebenen aus umliegenden Dörfern Zuflucht.

Papst Franziskus hat angesichts der Gewalt gegen Christen in aller Welt, vor allem im Nahen Osten, das Schweigen der Welt kritisiert. „Ich erneuere meinen Wunsch, dass die Internationale Gemeinschaft nicht stumm und untätig bleibt angesichts solcher unakzeptabler Verbrechen“, schrieb er in einem am Donnerstag vom Vatikan veröffentlichten Brief an den Patriarchalvikar für Jordanien, Bischof Maroun Lahham. Neben anderen religiösen Minderheiten würden vor allem Christen vor den Augen der ganzen Welt zu Opfern von Fanatismus, Intoleranz und Verfolgung. „Sie sind die Märtyrer von heute, gedemütigt und diskriminiert wegen ihrer Treue zum Evangelium“, so Franziskus. Mit seinem Schreiben wolle er erneut ein Zeichen der Nähe und Solidarität mit den Verfolgten und den hunderttausenden Flüchtlingen setzen, schreibt der Papst. Die Kirche vergesse sie nicht. Ausdrücklich dankte er auch den Helfern und Gemeinden, die sich der notleidenden Menschen annehmen. Übergeben wurde das Schreiben vom Generalsekretär der Italienischen Bischofskonferenz, Bischof Nunzio Galantino. Er besucht derzeit Jordanien und trifft dabei Flüchtlinge aus dem Irak.

Mit einer Großveranstaltung in Amman will die Caritas Jordanien auf die Situation der Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien aufmerksam machen. Zu dem Gebetstreffen am Samstagabend werden Regierungsvertreter, Diplomaten und Kirchenführer verschiedener Konfessionen erwartet. Am 8. August vor einem Jahr waren die ersten irakischen Flüchtlinge im haschemitischen Königreich angekommen.

Die US-Militärführung hat nach einem Jahr eine Bilanz des Lufteinsatzes der internationalen Koalition gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) gezogen. Seit Beginn am 8. August 2014 habe es mehr als 5 900 Luftschläge gegen den IS im Irak und in Syrien gegeben, teilte das Verteidigungsministerium in Washington mit. Ziel der Luftschläge sei gewesen, die Beweglichkeit der IS-Kämpfer einzuschränken, den Nachschub abzuschneiden und die Kommandostruktur der Miliz zu beeinträchtigen, hieß es nach Angaben des US-Kommandeurs der gemeinsamen Luftkampagne, Generalleutnant Brown. Demnach haben die Luftschläge die Fähigkeit der Terrormiliz eingeschränkt, selbst große Offensiven zu starten. Dadurch habe man Kräfte, die am Boden gegen IS kämpfen, unterstützen können. Zuvor hatte US-Vizeaußenminister Tony Blinken gesagt, dass 10 000 IS-Kämpfer bei Angriffen getötet worden seien. Dennoch ist der IS nach Einschätzung der US-Geheimdienste kaum geschwächt worden.