Würzburg

Papst Pius XI. und die schwarze Legende

Warum die Behauptung nicht stimmt, dass Pius XI. ein Wegbereiter des Faschismus gewesen sei.

Papst Pius XI.

Am 11. Februar feiert der Vatikanstaat den neunzigsten Jahrestag seiner Gründung. Er verdankt seine Entstehung einem Pakt zwischen Papst Pius XI. und den italienischen Faschisten, den so genannten „Lateranverträgen". Durch sie erkannte der Heilige Stuhl an, dass Rom Sitz der italienischen Regierung ist, während der italienische Staat die Autonomie und Souveränität des Vatikans garantierte. Damit endete ein Konflikt, der mit der Besetzung des Kirchenstaates und der Stadt Rom durch die italienische Unabhängigkeitsbewegung 1870 begonnen hatte. Der Papst war nicht mehr länger „Gefangener des Vatikans", sondern Staatsoberhaupt. Zudem erhielt der Vatikan eine Entschädigung in Höhe von 1,75 Milliarden Lire für die verlorenen Gebiete und Besitzungen. Kritiker werfen Pius XI. allerdings vor, den Diktator Benito Mussolini dadurch „salonfähig" gemacht zu haben. War der Papst zum Wegbereiter des Faschismus geworden?

Von einem „geheimen Pakt (Pius XI.) mit dem Faschismus“ spricht der amerikanische Historiker David Kertzer in seinem Bestseller „Der erste Stellvertreter“, für den er immerhin den Pulitzer-Preis erhielt. Bei Kirchengeschichtlern dagegen stieß er auf teils heftige Kritik. Sie werfen ihm vor, undifferenziert zu urteilen und Geschichte „von hinten aufzurollen“, womit er der Situation nicht gerecht werde. Denn als Pius XI. mit Mussolini verhandelte, konnte nun wirklich niemand ahnen, dass dieser eines Tages mit dem fanatischen Antisemiten und erklärten Kirchenfeind Adolf Hitler paktieren und Italien an Deutschlands Seite in den Krieg ziehen würde.

Mussolini: Anfänglicher Hoffnungsträger für Teile der Kirche

Tatsächlich war Mussolini 1929 noch für viele konservative Italiener und Teile der Kirche ein Hoffnungsträger. Seit der Besetzung Roms durch die Truppen des Risorgimento 1870 war die italienische Bevölkerung gespalten in Nationalisten und Kirchentreue. Während viele Katholiken den neuen Staat nicht anerkannten und der Papst anfangs die aktive oder passive Teilnahme an den Wahlen verbot, gab sich die Regierung bewusst antiklerikal. Auch nach dem Ersten Weltkrieg bestand sie überwiegend aus Freimaurern, die eine laizistische Gesellschaft anstrebten. Erfolgreich war es ihnen gelungen, den Papst auch aus allen Friedensverhandlungen der Nachkriegsjahre herauszuhalten. Man billigte der Kirche keinen Platz auf der politischen Bühne zu.

Anders als Hitler war Benito Mussolini kein Überzeugungstäter, der sich in eine wirre und brutale Ideologie verrannt hatte, sondern ein opportunistischer Machtmensch. Seine Karriere hatte vor dem Ersten Weltkrieg bei den Sozialisten begonnen. Gleich nach dem Krieg wechselte er das politische Lager und organisierte rechte Kampfgruppen. Ihr Symbol waren die Rutenbündel (fasces) der altrömischen Liktoren, die Zeichen ihrer Exekutivgewalt, weshalb sie bald „Fascisti“ genannt wurden. Mit ihnen gründete Mussolini im März 1919 seine Partei. Zunächst schockierte er mit einem antimonarchistischen, antikapitalistischen und antiklerikalen Programm, das er mit einem nationalistischen Unterton versah. Als er merkte, dass er damit beim Wähler nicht ankam, wechselte er auf einen bürgerlichen Kurs. Plötzlich propagierte er die Aussöhnung mit König, Kapital und Kirche und den Kampf gegen die Linke. Als die Linke 1922 zum Generalstreik aufrief, sah er seine Stunde gekommen. Die Faschisten besetzten nacheinander die norditalienischen Städte, um in ihnen „die Ordnung“ wiederherzustellen. Als Mussolini zum Marsch auf Rom ansetzte, wollte Ministerpräsident Facta ihn mit Regierungstruppen empfangen. König Vittorio Emanuele III. pfiff ihn zurück und beauftragte stattdessen den „Duce“ mit der Bildung einer neuen Regierung. Vier Jahre später waren alle oppositionellen Parteien verboten. Die Demokratie in Italien hatte aufgehört zu existieren, an ihre Stelle war der totalitäre Staat getreten, dessen Vorbild das antike Rom war.

Die Neuregelung der Beziehungen zwischen Staat und Kirche 

Um das Herz der überwiegend katholischen Italiener zu gewinnen, ordnete Mussolini eine Neuregelung der Beziehungen zwischen Staat und Kirche an. Seine Regierung, so erklärte er, wolle „das Wesen eines katholischen Staates und eines katholischen Volkes wiederherstellen.“ Papst Pius XI. reagierte zunächst skeptisch. Erst während der Feiern zum siebenhundertsten Todestag des heiligen Franz von Assisi im September 1926, den Mussolini zum Nationalfeiertag erhob, begegneten sich der faschistische Erziehungsminister Pietro Fedele und der päpstliche Kardinallegat und Ex-Kardinalstaatssekretär Merry del Val und kamen ins Gespräch, wie denn eine Aussöhnung zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl aussehen könnte. Als der König zögernd zustimmte, konnten die Verhandlungen mit dem päpstlichen Staatssekretariat beginnen.

Der päpstliche Advokat Francesco Pacelli, älterer Bruder des damaligen Nuntius in Berlin und späteren Kardinalstaatssekretärs Eugenio Pacelli (seit 1939: Pius XII.), wurde von Pius XI. beauftragt, bei der Ausarbeitung eines Vertrages die kirchlichen Interessen zu vertreten. Dreißig Monate lang feilten er und der italienische Rechtsgelehrte Domenico Barone an seinem Text, formulierten und verwarfen dabei rund zwanzig Versionen. Dann hatten sie eine für beide Seiten akzeptable Regelung erzielt. Am 11. Februar 1929 stand Francesco Pacelli im großen Saal des Lateranpalastes zwischen Kardinalstaatssekretär Gasparri und Mussolini. Zuerst reichte er dem Kardinal, dann dem Duce den sechzehnseitigen „Trattato fra la Santa Sede e L’Italia“, der 27 Artikel umfasste, zur Unterschrift. Einen Tag später wehten über ganz Rom die weißgelben Flaggen des neugegründeten Kirchenstaates einträchtig neben dem Grünweißrot Italiens. 40.000 Gläubige drängten sich zur Messe in den Petersdom, auf dem Petersplatz warteten die Massen bei strömenden Regen auf den Segen des Papstes, der zum ersten Mal seit 59 Jahren kein „Gefangener des Vatikans“ mehr war, sondern der Souverän einer kleinen aber unabhängigen Macht, des „Stato della Cittá del Vaticano“, wörtlich: des Staates der Vatikanstadt. Mussolini würdigte das Ereignis auf seine ganz eigene Weise. Er ließ als Symbol für die Versöhnung eine neue Brücke über den Tiber bauen und ganze Häuserblöcke niederreißen, um den Vatikan durch eine breite Pracht- straße, die Via della Conciliazione (Straße der Versöhnung), mit seiner Hauptstadt zu verbinden.

Papst Pius XI. war der Gewinner

Die Lateranverträge, zu denen auch ein Konkordat zur Regelung der Stellung der Kirche in Italien und eine Entschädigung gegenüber dem Heiligen Stuhl für die Eigentumsverluste aus dem Jahr 1870 gehörten, führten tatsächlich international zu einem Prestigegewinn für Mussolini. Doch der eigentliche Gewinner war der Papst. Hatte sich der italienische Faschismus zuvor als neuheidnische Politreligion verstanden, wurde durch das Konkordat der Katholizismus zur Staatsreligion und katholische Religionslehre zum Pflichtfach an den Schulen. Die Kirche war endlich in ihrer Unabhängigkeit durch das Völkerrecht geschützt, auch vor einem eventuellen Kurswechsel des Regimes. Allerdings musste sie sich verpflichten, in internationale Streitigkeiten nicht parteiisch, sondern nur schlichtend einzugreifen. „Wenn es darum ginge, einige Seelen zu retten oder größere Übel zu verhindern, würden Wir auch den Mut haben, mit dem Teufel in Person zu verhandeln“, erklärte Pius XI. am 12. März 1929 vor Theologiestudenten. Mussolini erschien ihm damals aber noch als „ein Mann … welchen die Vorsehung uns gegenübergestellt hatte.“

Die Enzyklika „Non abbiamo bisogno“ und die Reaktion der Faschisten

Doch die anfängliche Freude über eine einvernehmliche Lösung der „römischen Frage“ wurde schon bald massiv getrübt, als Mussolini die siebenhunderttausend Mann starke Laienbewegung „Azione Cattolica“ aufzulösen versuchte. Der faschistische Anspruch auf eine Totalität des Staates, die auch das geistliche Leben umfassen wollte, sei „ein Absurdum“, erklärte Pius XI. in seiner eigens auf Italienisch verfassten Enzyklika „Non abbiamo bisogno“ („Wir haben keinen Bedarf“) vom Juni 1931. Die Reaktion der Faschisten ließ nicht lange auf sich warten. Kampfgruppen der Partei stürmten das Sant’Apollinare-Seminar und die päpstliche Basilika S. Lorenzo fuori le Mura, skandierten „Tod dem Papst“. Pius XI. drohte mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum italienischen Staat. Gasparri, obwohl schon im Ruhestand, versuchte als Mitunterzeichner der Lateranverträge zu vermitteln; einen möglicherweise längerfristigen „Kulturkampf“ mit der Mussolini-Regierung hielt er für unverantwortlich und gefährlich. So endete der Streit nach einem halben Jahr mit einem Rückzieher der Kirche, die sich verpflichten musste, ihren Vereinen nur noch religiöse Aktivitäten zu erlauben.

Die Erfahrung mit den italienischen Faschisten hatte zunächst keine größere Auswirkung auf den Umgang der Kirche mit den deutschen Nationalsozialisten. Zwar hatte Pacelli, der 1930 zum neuen Kardinalstaatssekretär ernannt wurde, die Hitler-Bewegung noch 1922 als „eine Abart der Faschisten“ bezeichnet, doch ein Jahr später begriff er, dass sie von ganz anderem Kaliber war. Gleich nach dem Münchner Putschversuch Hitlers warnte er den Vatikan vor „dem antikatholischen Charakter der Nazi-Bewegung“. Zwei Jahre später, 1925, bezeichnete er sie in einem Bericht an Gasparri als „die wohl gefährlichste Häresie unserer Zeit“. Dazu trug auch der fanatische Antisemitismus Hitlers bei, der den italienischen Faschisten damals wesensfremd war. Tatsächlich waren viele prominente Mitglieder der Mussolini-Partei Juden. Der „Duce“ wiederum hielt den „Führer“ damals noch für einen Parvenü, eine schlechte Kopie seiner selbst. So störte es ihn nicht, dass 1928 die Glaubenskongregation den Antisemitismus „ohne jede Einschränkung“ verurteilte. Oder dass einige deutsche Bischöfe ab 1930 Mitgliedern der NSDAP die Sakramente verweigerten und die NS-Ideologie als „mit der katholischen Lehre unvereinbar“ verurteilten. Das Vatikan-Organ „Osservatore“ druckte solche Erklärungen gerne ab, ohne dabei einen Protest der italienischen Faschisten befürchten zu müssen.

Sicher ermutigte die Erfahrung mit den Lateran-Verträgen den Vatikan, nach Hitlers Machtergreifung das Angebot anzunehmen, ein Konkordat mit dem Deutschen Reich auszuhandeln. Auch hier werfen Kritiker Pius XI. vor, dadurch das NS-Regime international salonfähig gemacht zu haben. Dabei wies der Historiker Karl-Joseph Hummel längst nach, dass das NS-Regime schon vor der Unterzeichnung des Reichskonkordats 43 internationale Verträge abgeschlossen hatte, darunter das wichtige „Vier-Mächte-Abkommen“ über „Verständigung und Zusammenarbeit“ mit Großbritannien, Frankreich und Italien und das Haavara-Abkommen mit der Zionistischen Vereinigung. Wie der „Osservatore Romano“ damals ausdrücklich betonte, hatte der Vatikan das Reichskonkordat unterzeichnet, um die Rechte und Freiheit der Kirche in Deutschland vor den Nazis zu schützen. Es gab ihm die Möglichkeit, bei Verstößen gegen das Konkordat – von denen es viele geben sollte – offiziell zu protestieren, wovon auch eifrig Gebrauch gemacht wurde – mit 55 offiziellen Protestnoten allein zwischen 1933 und 1939.

Der Bruch zwischen Papst Pius XI. und Mussolini

Erst nach Hitlers Besuch in Rom im Mai 1938 wurden „der Führer und der Duce“ Waffenbrüder, begann Mussolini auf Druck Hitlers, in Italien Rassengesetze nach deutschem Vorbild einzuführen. Pius XI., der vor dem Staatsbesuch demonstrativ Rom verlassen hatte und nach Castelgandolfo gegangen war, protestierte heftigst und plante eine Enzyklika gegen den Rassismus. Das Band, das die Lateranverträge zwischen ihm und Mussolini gewoben hatten, war jetzt endgültig zerschnitten, seine Hoffnung, dieser könne Hitler mäßigen, enttäuscht.

Je näher der 11. Februar 1939, der zehnte Jahrestag der Lateranverträge, rückte, desto sicherer rechneten viele Italiener mit einer Brandrede des Papstes, einer Abrechnung mit Mussolini. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen; ausgerechnet am Vortag, dem 10. Februar 1939, verstarb der Ratti-Papst. „Jetzt ist er wenigstens tot, dieser sture, alte Mann“, kommentierte Mussolini triumphierend gegenüber seinem Schwiegersohn und Außenminister, Graf Galeazzo Ciano.

Verschwörungstheorien um den Tod des Papstes

Schnell machten sich Verschwörungstheorien breit. Immerhin war der päpstliche Leibarzt, Dr. Petacci, zugleich Vater der Geliebten des „Duce“. Hatte Mussolini den Papst etwa ermorden lassen? Dagegen spricht nicht nur die lange Krankengeschichte Pius XI., der unter einem schweren Diabetes litt, sondern auch die Tatsache, dass Petacci ausgerechnet in der letzten Woche des Papstes selbst erkrankt und beurlaubt war. Kertzer schließlich unterstellt Pacelli, er habe die vermeintliche Brandrede im Auftrag Mussolinis verschwinden lassen. Auch das ist unwahr. Wie es sich gehört, wurden alle vorbereiteten Texte Pius XI. nach seinem Tod archiviert. Wer das Manuskript heute im Vatikanarchiv heraussucht, wird freilich enttäuscht. Außer der Beschwerde, seine Reden würden totgeschwiegen und sein Telefon wohl abgehört, findet sich in ihm keine Abrechnung mit dem Regime. Offensichtlich wollte Pius XI. damals kein Öl ins Feuer gießen. Er wollte die italienischen Faschisten nicht Hitler in die Arme treiben, sondern an die Kirche binden.