Papst: Die Todesstrafe ist heute endgültig überholt

Franziskus korrigiert entsprechend den Katechismus der Katholischen Kirche und bedauert die Hinrichtungen im alten Kirchenstaat. Von Guido Horst

Hinrichtungsmethoden in den USA
Hinrichtungsstuhl in Utah. 2010 wurde hier der Mörder Ronnie Lee Gardner durch ein Erschießungskommando getötet. Foto: dpa
Hinrichtungsmethoden in den USA
Hinrichtungsstuhl in Utah. 2010 wurde hier der Mörder Ronnie Lee Gardner durch ein Erschießungskommando getötet. Foto: dpa

Die Abkehr der katholischen Kirche von der Todesstrafe hat schon vor längerer Zeit begonnen, spätestens unter dem Pontifikat von Johannes Paul II. Jetzt hat Franziskus den Schlussstrich gezogen. Am Mittwochabend, vor der Vollversammlung des Rats für die Neuevangelisierung, sprach er über den Katechismus der Katholischen Kirche, der vor genau 25 Jahren erschienen war, und kündigte eine entsprechende Neuformulierung in dem Glaubenskompendium an. Die Todesstrafe müsse in ihm „angemessener“ behandelt werden, da sich auch das „Bewusstsein im Volke Gottes“ verändert habe, das mittlerweile eine Strafe ablehne, „die die Würde des Menschen schwer verletzt“ (siehe Seite 6). Darum muss auch im Katechismus der Katholischen Kirche in Zukunft deutlich festgestellt werden, dass es sich bei der Todesstrafe um eine „unmenschliche Maßnahme“ handle, die ihrem Wesen nach dem Evangelium widerspreche, „weil sie willentlich entscheidet, ein menschliches Leben zu beenden, das in den Augen des Schöpfers immer heilig ist und dessen wahrer Richter und Garant im Letzten allein Gott ist“. Kein Mensch, „nicht einmal der Mörder verliert seine Menschenwürde“, zitierte der Papst aus seinem Brief an den Präsidenten der Internationalen Kommission gegen die Todesstrafe vom 20. März 2015. Wann und wie die entsprechende Korrektur im Weltkatechismus erfolgt, ließ der Papst offen.

Noch heißt es da, dass es die „überlieferte Lehre der Kirche“ anerkenne, dass die öffentliche Gewalt Strafen verhänge, die der Schwere der Verbrechen angemessen sind, „ohne in schwerwiegendsten Fällen die Todesstrafe auszuschließen. Das galt auch so im Kirchenstaat. Die letzte Hinrichtung durch die Scharfrichter der Päpste fand dort 1868 statt. Dafür entschuldigte sich Franziskus: „Leider wurde auch im Kirchenstaat auf dieses extreme und unmenschliche Mittel zurückgegriffen, und man hat dabei den Primat der Barmherzigkeit über die Gerechtigkeit vernachlässigt. Wir übernehmen die Verantwortung für die Vergangenheit und bekennen, dass diese Methoden mehr von einer legalistischen als von einer christlichen Haltung bestimmt wurden.“

Im zwanzigsten Jahrhundert haben die Päpste angefangen, sich deutlich von dieser Strafpraxis zu distanzieren, die heute noch in vielen afrikanischen Ländern, in muslimischen Staaten, im Mittleren Osten oder in China und in den Vereinigten Staaten praktiziert wird. Ausgerechnet in den USA hatte Johannes Paul II. bei einem Beuch im Januar 1999 das Recht jedes Menschen auf ein Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod bekräftigt und mit Blick auf Schwerverbrecher festgehalten, dass die modernen Gesellschaften über genügend Mittel verfügen, ihre Bürger vor Schwerkriminellen zu schützen. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress hat jetzt Kardinal Christoph Schönborn erklärt, Papst Johannes Paul II. habe schon bei der Erstfassung des Katechismus der katholischen Kirche eine „entschiedenere Formulierung“ gegen die Todesstrafe gewollt, habe dann aber doch die von der Kommission vorgeschlagene Formulierung akzeptiert, auch aus Respekt vor dem, was in ihr genannt werde: die „überlieferte Lehre“.

Doch schon bei der Überarbeitung des Weltkatechismus und seiner Ausgabe von 1997 hieß in dem entsprechenden Paragrafen 2267 nochmals restriktiver, die Kirche schließe die „überlieferte Lehre“ nur dann nicht aus, wenn die Todesstrafe „der einzig gangbare Weg wäre, um das Leben von Menschen wirksam gegen einen ungerechten Angriff zu verteidigen.“ Und als dann 2005 unter Benedikt XVI. die Kurzfassung des Weltkatechismus herauskam, das sogenannte Kompendium, hieß es dann in dem die Todesstrafe betreffenden Paragrafen, dass die Staaten heute die Möglichkeit hätten, Schwerverbrecher unschädlich zu machen, so dass die Fälle von einer absoluten Notwenigkeit der Todesstrafe „sehr selten“ geworden seien und praktisch gar nicht mehr bestünden.