„PID zieht Tötung nach sich“

Kardinal Meisner vergleicht PID mit dem Kindermord von Bethlehem, weil „auch Herodes damals eine Selektion vorgenommen hat“

Kardinal Joachim Meisner. Foto: dpa
Kardinal Joachim Meisner. Foto: dpa

Köln/Hamburg (DT/KNA) Der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, hat die von Teilen der Politik gewünschte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) aufs Schärfste verurteilt: „Die PID zieht immer Selektion und Tötung nach sich“, sagte er in einem Gottesdienst am Dienstag im Kölner Dom. Wer PID zulasse, sage Nein zum Leben und Nein zu Gott. „Dieses Nein aber bedingt gleichsam lawinenartig eine weitere Lockerung des Lebensschutzes“, warnte Meisner.

Der Mensch besitze die volle Würde, sobald eine Eizelle befruchtet werde. „Ab dem Moment ist nicht nur neues Leben vorhanden, das sich als Mensch entwickelt. Ab diesem Moment stehen wir vor einer neuen genetischen Identität, das heißt, einem einzigartigen neuen Ebenbild Gottes.“ Niemand habe das Recht, hier eine Auswahl zu treffen, betonte der Kardinal in seiner Predigt am Fest der Unschuldigen Kinder, das die Kirche am 28. Dezember begeht. Es erinnert an den Befehl von König Herodes zur Zeit Christi Geburt, alle neugeborenen Jungen töten zu lassen. Auch Herodes habe damals eine Selektion vorgenommen, sagte Meisner. Das Evangelium spreche davon, dass er in Bethlehem und Umgebung alle Jungen bis zum Alter von zwei Jahren töten ließ, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte. Die Kriterien damals seien gewesen: Ort, Alter, Geschlecht und Stand der Forschung. Auch die PID-Befürworter hätten „ ihre Kriterien und sie machen sich auch den Stand der Forschung zunutze“. Zwar sei es politisch unkorrekt, diesen Vergleich zu ziehen, so der Kardinal. Schließlich hätten die PID-Befürworter um ihre Entscheidung gerungen. „Aber diese Entscheidung ist falsch.“ Zugleich wies Meisner das Argument des so genannten Wertungswiderspruchs zurück, wonach ein und dasselbe künstlich erzeugtes Kind später straffrei abgetrieben werden dürfe, während seine Selektion in der Petrischale verboten sei. „Das ist in der Tat absurd“, so der Kardinal. Die Absurdität der gesamten Abtreibungsproblematik könne jedoch niemals ein Argument für die PID sein. „Denn hier wird ein Tötungszeitpunkt gegen den anderen ins Feld geführt.“

Bei der PID werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen außerhalb des Mutterleibes auf genetische Fehler untersucht und geschädigte Embryonen vernichtet. In Deutschland galt sie bis zum Sommer 2010 nach gängiger Rechtsinterpretation des Embryonenschutzgesetzes als verboten. Anfang Juli entschied jedoch der Bundesgerichtshof, dass Gentests an Embryonen nach dem Wortlaut des Gesetzes bislang nicht untersagt sind. Im Bundestag wird derzeit um eine Neuregelung gerungen. Befürworter und Gegner stellen dazu verschiedene Gesetzentwürfe vor.

Die Bundestagsabgeordnete Priska Hinz (Grüne) hat vor einer zu breiten Zulassung der PID gewarnt. In einem Interview des „Hamburger Abendblatt“ warb sie für eine Begrenzung der umstrittenen genetischen Diagnostik auf die Lebensfähigkeit des Embryos. „Mir geht es um die Frage der Lebensfähigkeit des Embryos und nicht um die Frage, ob der Embryo lebenswert ist“, so die Forschungspolitikerin. Hinz will mit dem SPD-Abgeordneten Rene Röspel bis Anfang Februar einen eigenen Gesetzentwurf vorlegen. Er sehe eine Beschränkung der Untersuchung auf jene Krankheiten vor, „die zu einer Fehlgeburt oder zu einem sehr frühen Tod des geborenen Kindes führen können“. Dazu zählten nicht das Down-Syndrom oder Chorea Huntington. Hinz wandte sich gegen den vor Weihnachten vorgestellten Gesetzentwurf einer Abgeordnetengruppe um Ulrike Flach (FDP) und Peter Hintze (CDU). Dieser sortiere auch Embryonen bei lebensbedrohlichen Krankheiten aus, die erst im Alter aufträten. „Vor der Geburt zu entscheiden, ob ein Mensch mit einer solchen Erbkrankheit leben darf, halte ich für falsch“, so Hinz. Die Untersuchung auf solche Krankheiten sei auch bei der seit langem praktizierten Pränataldiagnostik (PND) während der Schwangerschaft verboten. „Der Entwurf von Flach und Hintze würde dieses Verbot aber durchlöchern“, so die Grüne. Hinz und Röspel wollen die PID-Untersuchung auf eine „relativ überschaubare Anzahl von genetischen Krankheiten“ beschränken. Dazu zählten Trisomie 12 und Trisomie 13, die häufig zu Totgeburten führen. Hinz zeigte sich optimistisch, dass ihr Entwurf Abgeordnete aus allen Fraktionen überzeugen werde, auch solche, die sich bisher um eine zu weit gehende Anwendung von PID gesorgt hatten. „Ich glaube, eine Mehrheit der Abgeordneten ist für eine Öffnung der PID“, meinte Hinz.

Unterschiedliche Haltungen zur Präimplantationsdiagnostik haben auch evangelische Bischöfe zum Ausdruck gebracht. Während sich der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, für eine differenzierte Nutzung aussprach, erneuerte der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich sein striktes Nein. Dröge sagte dem „Tagesspiegel“: „Beides muss möglich sein: Dass Eltern aus leidvollen Erfahrungen sagen, wir möchten eine PID, und dass andere Eltern auch einem behinderten Kind den Weg ins Leben ermöglichen wollen und für diese Entscheidung Respekt und Unterstützung erfahren.“ Der Bischof warnte zugleich davor, dass in der Gesellschaft das Verständnis für Behinderte, Arme und Kranke abnehme.

Friedrich erklärte in seiner Weihnachtspredigt in München, das Leben sei, beginnend mit der Verschmelzung von Samen und Eizelle, ein Geschenk Gottes und keine Verfügungsmasse des Menschen. Daher könne es auch kein Recht auf ein Kind oder auf ein gesundes Kind geben. Menschen dürften sich niemals anmaßen, zwischen „lebenswert“ und „lebensunwert“ zu unterscheiden.