„Ostdeutschland muss erst-, nicht neuevangelisiert werden“

Der Generalsekretär des Bonifatiuswerks, Georg Austen, zum heutigen Verständnis von Neuevangelisierung

Was heißt Neuevangelisierung in einer zunehmend säkularen und pluralen Gesellschaft?

Ich bin überzeugt, dass der Auftrag missionarischen Wirkens ein Grundauftrag von Christen bleibt, der zu verschiedenen Zeiten in je unterschiedliche Kontexte übersetzt werden muss. Zudem würde ich für einige Regionen Europas nicht von Neuevangelisierung, sondern sogar von Erstevangelisierung sprechen. Das trifft zu besonders auf die ostdeutschen Gebiete, in denen drei Viertel der Menschen nicht konfessionell gebunden sind; es gilt aber auch für andere Teile Europas, wo es keinerlei Wissen um die Inhalte unseres Glaubens gibt.

Wo sehen Sie die Ursachen für diesen fortschreitenden Prozess der Säkularisierung in den europäischen Gesellschaften?

Verschiedene, auch politische Entwicklungen im 20. Jahrhundert haben sicherlich glaubensentfremdend gewirkt: Teilweise wurde versucht, den Glauben auszutrocknen – in Deutschland zuerst durch den Nationalsozialismus, im Osten später durch den Kommunismus. Heute gibt es aber sogar in traditionell katholisch geprägten Gebieten immer mehr Menschen, denen die Inhalte des Glaubens und der Zugang zur Kirche fremd geworden sind – da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, etwa auch der Umstand, dass in den Familien der Glaube nicht mehr weitervermittelt wird. Da braucht es, denke ich, dringend eine Neuevangelisierung.

Welche Chancen bietet die spezifische Situation in den ostdeutschen Regionen für die Kirche, vielleicht neue Wege missionarischen Handels zu erschließen?

Ich sehe es als eine notwendige Herausforderung darüber nachzudenken: Wie können wir in einer Sprache, die Menschen heute verstehen, unsere Schätze des Glaubens weitergeben? Wichtig ist aber nicht allein die Verkündigung, sondern auch die Frage nach der Umsetzung des Evangeliums – im Gottesdienst, in der Nächstenliebe. Es bleibt eine Herausforderung für die Kirche, ihren Glauben deutlich und erfahrbar zu machen in einem mehr und mehr säkularen Umfeld. Die Auseinandersetzung mit diesem Umfeld bietet auch die Chance, unser Profil als Kirche im ökumenischen Dialog zu stärken. Und gleichzeitig zu existentiellen Fragen vorzustoßen, Antworten zu finden und zu geben auf Fragen nach Leben und Tod, nach Freude, Erfüllung, Krankheit – Antworten auf grundlegende Lebensfragen des Menschen.

Bedeutet Neuevangelisierung eine verstärkte Wiederentdeckung des Erwachsenenkatechumenats?

Natürlich. Aber wir dürfen nicht so sehr in Kategorien, auch nicht von den Altersstufen her denken, sondern generationenübergreifend. Wir bilden uns permanent weiter – im EDV-Bereich, in Wirtschaftsfragen – in Glaubensfragen aber bleiben wir oft in den Kinderschuhen stecken. Und das ist für mich die Herausforderung: Wie kann man heute erwachsenen Menschen Glaubenswissen, Glaubensinhalte vermitteln und mit ihnen einen Weg gehen, der sie befähigt, Glaubensentscheidungen zu treffen? Und das bleibt die größte Herausforderung, wenn Erwachsene getauft werden: In welche Situation hinein taufen wir sie? Wie geht es nach der Taufe weiter? Dazu ist es auch wichtig, Menschen zu unterstützen, damit sie Anschluss an eine Glaubensgemeinschaft, einen Ort in der Kirche finden, an dem sie sich beheimatet fühlen können. Ich sehe hier auch einen wichtigen Auftrag für das Bonifatiuswerk, diese Anliegen subsidiär zu unterstützen.