Narrenfreiheit im Straßenverkehr

Internationale Vereinbarungen decken diplomatische Verkehrssünder

Von Markus Reder

Das kommt einem bekannt vor: Eilig hetzt man zurück zum Auto, biegt um die letzte Ecke und da sieht man sie stehen: Die Dame von der Verkehrsüberwachung. „Schaut Sie noch oder schreibt sie schon?“, durchzuckt es einen. Auf den Gedanken folgt Gewissheit: Sie schreibt schon. Das ist der Moment höchst seltener Metamorphosen. Selbst wüste Raubeine verwandeln sich in Sekundenbruchteilen zu charmanten Süßholzrasplern. Dies zeigt zwar, welche Höflichkeitspotenziale im Manne stecken, hilft aber in aller Regeln überhaupt nicht. Lehrt doch die Erfahrung: Eher sinkt der Spritpreis unter 20 Cent, als dass eine dieser Ordnungshüterinnen Gnade vor Strafzettel ergehen lässt. Das wäre natürlich alles ganz anders, wäre man kein gewöhnlicher Mensch, sondern Diplomat. Das Beispiel Berlin belegt das eindrucksvoll.

In der deutschen Hauptstadt sind die knapp 3 000 registrierten Diplomatenfahrzeuge im vergangenen Jahr bei 8 400 Verkehrsverstößen erwischt worden. 55 Mal waren Botschaftsangehörige in Unfälle verwickelt, bei fast der Hälfte der Fälle flüchteten die Diplomaten vor dem Eintreffen der Polizei vom Unfallort. Konsequenzen hatten all die Strafzettel und Strafanzeigen freilich nicht. Aufgrund internationaler Absprachen wurde sie wegen der diplomatischen Immunität eingestellt. An der Spitze der Liste diplomatischer Verkehrssünder standen nicht zum ersten Mal die Länder Saudi Arabien, Russland, Ägypten und China. Der CDU-Abgeordnete Peter Trapp forderte jetzt Konsequenzen für diese Länder. Das war gewiss ehrenwert, aber leider vergeblich. Senat und Auswärtiges Amt lehnten das als unmöglich ab. Und was lernen wir daraus? Erstens: Diplomaten haben die Lizenz zum Rasen und Falschparken. Und zweitens: Allen normalen Menschen ist von einem diplomatischen Umgang mit Verkehrsdelikten dringend abzuraten.