Nach der Gier nun die Angst

Vermutlich ist das Wort, das Finanzminister Peer Steinbrück mit Blick auf die internationale Finanzkrise verwendete, richtig: Gelassenheit. Doch ist dies leichter gesagt denn getan. Immerhin wird Finanzinvestor Warren Buffett mit den Worten zitiert, die „Credit Default Swaps“, die den Kollaps der amerikanischen Investmentbanken Lehmann Brothers und Merrill Lynch herbeiführten, seien „Massenvernichtungswaffen“. Experten meinen, dass gegenwärtig 60 Billionen Dollar dieser Papiere im Umlauf sind. Sie sind nichts anderes als eine Verbriefung, der nur eine höchst komplexe, nicht mehr transparente Wette zugrunde liegt. Im Kern handelt es sich um eine Kreditversicherung, doch unabhängig von der Kredithöhe, weil es nur auf die Bonität des Vertragspartners ankommt, die den Preis mit Blick auf die Entwicklung des Marktes bestimmt. Geht alles gut, machen die Versicherer mit den „Swaps“ ein blendendes Geschäft. Die Banken verdienen auch, weil sie so ihre Bilanz entlasten. Doch nur die blanke Phantasie des Marktes begrenzt das handelbare Volumen.

Betroffen von diesen gigantischen, nicht überschaubaren Risiken sind nicht nur die amerikanischen Investmentbanken, sondern auch Versicherungsgesellschaften, allen voran die größte Versicherung der Welt, die American International Group (AIG). Es ist offen, welche Auswirkungen die Schockwellen noch entfalten, die seit dem Wochenende die Finanzwelt in Atem halten. Nach der Gier geht jetzt die blanke Angst um, weil die Erfahrung fehlt, wie die Finanzwelt mit diesen „Massenvernichtungswaffen“ umgehen soll, um die Verwüstung der Geldvernichtung wenigstens einzudämmen. Die amerikanische Regierung und die Währungshüter des „Federal Reserve Board“ haben sich entschlossen, die Bewältigung des Kollaps der Lehmann Brothers und anderer Finanzdienstleister den unberechenbaren Kräften des Marktes anzuvertrauen. Der Steuerzahler bleibt dieses Mal wohl ungeschoren, obwohl die Regierung kurz zuvor den großen Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac und der als erster gestrauchelten Investmentbank Bear Stearns unter die Arme gegriffen hat. Dieses Schicksal hat nun auch die AIG erreicht, denn das Insolvenzrisiko wäre ein nicht beherrschbarer Flächenbrand geworden.

Jahrelang galten die in teuren Flanell gekleideten Investmentbanker in New York, London und Frankfurt als die „Vorbilder“ der heranwachsenden Generation. Unsummen von Geld verdienten sie. Als Idole fühlten sie sich und wurden auch so angesehen: Ihre überlangen Arbeitszeiten galten als erstrebenswert, ihr Jetlag als Markenzeichen, ihre oft sehr eitle Intelligenz als vorzeigepflichtig, einschließlich ihrer immer wieder scheiternden „Beziehungen“ und der in der Regel vernachlässigten Kinder. Die Perversität dieser Ideale hatte Konjunktur. Man kann die Maßlosigkeit als Wurzel der Krise sehen. Doch damit beschreibt man die Ursachen der internationalen Finanzmisere nur vordergründig. Denn die jetzt sichtbar gewordene Fehlentwicklung ist nur die Spitze des Eisbergs, eine kleine, durchaus wichtige Facette des internationalen „Raubtierkapitalismus“, den die Globalisierung geboren hat.

Das gesamte tägliche Transaktionsvolumen der Derivatgeschäfte machte 2006 das Fünfzig- bis Hundertfache des gesamten Welthandels in Gütern aus. Das aktuelle Volumen, das nur grob zu schätzen ist, dürfte wesentlich höher liegen. Die überwältigende Menge dieser Transaktionen vollzieht sich als reine Spekulation mit Finanzderivaten, losgelöst von einem zugrunde liegenden Kauf. Die damit zusammenhängenden Risiken unterliegen keiner staatlichen Kontrolle. Dazu ist der nationale Staat auch nicht in der Lage, weil es sich um globale Transaktionen handelt, die in Sekundenschnelle mittels Computer weltweit an den Börsen durchgeführt werden. Die Politik ist abhängig von der Finanzwirtschaft – und ihr gegenüber weithin machtlos. Alle bisherigen Versuche, diese „Massenvernichtungswaffen“ der Derivatgeschäfte einer internationalen Kontrolle zu unterwerfen, sind am entschlossenen und erbitterten Widerstand der Banker und der Politiker in London und New York gescheitert. Die Finanzwelt vertraut auf die angeblichen Regulierungskräfte des Marktes, weil diese Sicht den eigenen Profit und den Standortvorteil sichert. Die Risiken eines Desasters verteilen sich indessen auf den ganzen Globus.

Die Weltwirtschaft ist vom Verhalten international agierender privater Finanzinstitute und der dort handelnden, extrem hoch bezahlten Manager mindestens ebenso abhängig wie vom politischen Verhalten der Staaten und ihrer gewählten Regierungen. Das ist ein Dilemma. Hinzu kommen das durch Irak- und Afghanistan-Krieg immer weiter aufgeblähte Haushaltsdefizit der USA, die rasant wachsende Auslandsverschuldung des Landes, die Handelsbilanzüberschüsse Chinas und Japans, die in Dollar gehalten werden, und die Schwäche des Dollars. Das Gleichgewicht der Zahlungsbilanzen ist in Unordnung – ein ungutes Gebräu, und dies mitten im amerikanischen Wahlkampf.

Deutschland ist als „Exportweltmeister“ von diesen Entwicklungen unmittelbar betroffen. Prognosen sind schwer, denn in der Krise handeln nur die wenigsten rational. Die Gier hat die Angst als Partner. Da ist es eine Wohltat, dass der Bundesfinanzminister in der Haushaltsdebatte leutselig ansagt, das deutsche Bruttosozialprodukt werde in diesem Jahr 1,7 Prozent zulegen. Es wird sich zeigen, wie lange wir noch eine Insel der Seligen sein werden.