Frankfurt

Nach Tod al-Bagdadis: Gefahr für Christen wächst

Christliche und andere Minderheiten seien ein willkommenes Ziel für Racheaktionen, meint Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der IGFM. Mit dem IS sei weiter zu rechnen.

Nach Angriff auf IS-Anführer Al-Bagdadi in Syrien
Syrien, Barisha: Menschen stehen auf Trümmern eines Hauses in der Nähe des Dorfes Barisha in der Provinz Idlib nach einer Militäroperation der USA gegen Abu Bakr al-Bagdadi, den ehemaligen Anführer des IS. Foto: Ghaith Alsayed (AP)

Nach Ansicht Martin Lessenthins werden die Gefahren für Christen, Jesiden und andere Minderheiten in Syrien und den umliegenden Regionen nach dem Tod des ehemaligen IS-Anführers Abu-Bakr al-Bagdadi wachsen. „Diese Minderheiten sind ein willkommenes Ziel für Racheaktionen“, erklärt der Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) gegenüber der „Tagespost“.

Lessenthin befürchtet, dass die neue IS-Führung den Stil der alten fortsetzen und ihre Anhängerschaft mobilisieren werde – nicht nur in Syrien, im Irak und im Mittleren Osten. Auszugehen sei vielmehr von einer drohenden Gefahr durch islamistischen Terror auch in Europa und weltweit.

IS geschwächt? "Auch das Gegenteil ist möglich"

Ob der IS durch den Tod al-Bagdadis und anderer Führungsmitglieder nachhaltig geschwächt sei, müsse sich erst zeigen. „Auch das Gegenteil ist möglich“, meint Lessenthin. So habe die verbliebene IS-Führung die Gefolgschaft der islamistischen Terrormiliz beispielsweise bereits auf einen neuen Anführer eingeschworen: den Scharia-Richter Abu Ibrahim al-Haschimi al-Kuraischi. „Es muss damit gerechnet werden, dass der IS sehr bald demonstriert, dass weiterhin mit ihm gerechnet werden muss.“

Al-Bagdadi galt als der meistgesuchte Mann der Welt. Am 26. Oktober war er von einem US-Kommando im Nordwesten Syriens gestellt worden und tötete sich mithilfe eines Sprengstoffgürtels selbst. Am Donnerstag veröffentlichte das US-Verteidigungsministerium erstmals Fotos und kurze Videosequenzen des Einsatzes. Kämpfer der kurdischen YPG-Miliz meldeten kurz nach ab-Bagdadis Tod, auch einen Sprecher des IS getötet zu haben, der als rechte Hand des Anführers galt.

"Für die Bekämpfung des islamistischen
Terrorismus wäre ein lebend gefangener
Terrorchef [...[ wesentlich besser gewesen"
Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte

US-Präsident Donald Trump hatte den Tod al-Bagdadis als großen Sieg im Kampf gegen den Terror dargestellt und behauptet, die Welt sei nun ein sichererer Ort. In den Schilderungen Trumps und denen des US-Militärs sieht Vorstandssprecher Lessenthin jedoch Widersprüche. Zudem sei vieles, was in Syrien und im Irak vor allem von der Türkei und anderen als „Terrorbekämpfung“ dargestellt werde, nicht mit dem Völkerrecht vereinbar.

Darüber zu urteilen, ob man beim Tod al-Bagdadis von einer gerechten Strafe sprechen könne, sei nach Lage der Dinge nicht möglich, so Lessenthin weiter. „Für die Bekämpfung des islamistischen Terrorismus wäre ein lebend gefangener Terrorchef, angeklagt vor und verurteilt durch ein internationales Tribunal wesentlich besser gewesen.“ Dies habe al-Bagdadi wohl verhindern wollen.

DT/mlu