Kabylei

Mut zum Widerspruch

In Algerien protestieren seit Wochen Menschen für Reformen. Nun gehen auch die Christen auf die Straße und demonstrieren gegen die Schließung freikirchlicher Hauskirchen.

Proteste in Algerien
Schon seit Wochen protestieren Tausende in Algerien für Reformen. Nun gehen auch Christen auf die Straße. Sie wehren sich dagegen, dass willkürlich Kirchen geschlossen werden. Betroffen sind freikirchliche Hauskirchen. Foto: dpa

Es verlangt viel Mut, wenn Christen in einem muslimischen Land wagen, gegen Kirchenschließungen zu protestieren. Die Christen in Algerien zeigen im Moment diesen Mut. Dieses Land wird seit einigen Monaten schon von einer anderen Protestwelle gegen Korruption und gegen Vetternwirtschaft erfasst, die bereits den langjährigen Staatspräsidenten zum Rücktritt gezwungen hat. Vielleicht haben deshalb nun auch die Christen keine Angst mehr, für ihre Anliegen ebenfalls auf die Straße zu gehen. Die staatlichen Behörden sind in letzter Zeit massiv gegen freikirchliche Hauskirchen vorgegangen. Diese Kirchen werden oft während den Gottesdiensten geschlossen. Die Gläubigen werden dabei unter lautem Protest aus ihren Kirchensälen gezerrt. Videos, die solche Vorfälle dokumentieren, kursieren in den sozialen Netzwerken. Zusammen mit Aufnahmen von protestantischen Pastoren, die um Hilfe bitten.

Elf Kirchengemeinden von den Behörden geschlossen

Auf einem dieser Videos erklärt Salah Chalah, der Präsident der protestantischen Kirchen in Algerien, dass bis jetzt bereits elf Gemeinden von den algerischen Behörden geschlossen worden seien. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Provinz Kabylei, bekannt für ihre Eigenständigkeit und ihren Widerstand gegen die Bevormundungen der Zentralregierung. In der Kabylei sollen bereits in den letzten 30 Jahren bis zu zehn Prozent der Bevölkerung zum Christentum übergetreten sein. Zentrum der Kirchenschließungen und Proteste ist die Hafenstadt Bejaia im Nordosten Algeriens.

Die offizielle Begründung der algerischen Behörden lautet, dass die protestantischen Hauskirchen ohne Genehmigung errichtet worden seien. Dabei berufen sie sich auf ein Gesetz aus dem Jahr 2006. Demnach müssen alle nicht-islamischen Gotteshäuser von den Behörden genehmigt und als Gemeinden registriert werden. Das trifft zurzeit allerdings nur auf die katholischen Kirchen zu. In Algerien ist der Islam zwar Staatsreligion, laut Verfassung herrscht aber Religionsfreiheit. Algerische Protestanten fordern deshalb eine Änderung der Genehmigungspflicht für ihre Gotteshäuser und die offizielle Anerkennung ihrer Religionsgemeinschaft.

Seit 30 Jahren massive Abkehrbewegungen vom Islam

Schon seit 30 Jahren gibt es massive Abkehrbewegungen vom Islam in der Region der Städte Draa-ben-Khedda, Boghni und Les Ouadhias; hier scheuen sich die Christen nicht mehr, ihren Glauben öffentlich zu bekunden. Eine Ursache für diese massive Konversionsbewegung liegt auch darin, dass gerade in dieser Gegend die salafistischen Gruppen und ihre Gewalt sehr stark waren. Da diese Gruppen nicht aus der Region stammten, schlossen sich die einheimischen Kabylen noch enger gegen sie zusammen. Die Kabylei gilt überhaupt als eine Region, in der große Toleranz herrscht. Schon zur französischen Kolonialzeit hat es hier viele Konversionen gegeben – damals allerdings mehrheitlich zur katholischen Kirche. Die Konversion ist auch als eine Art Widerstand gegen einen zunehmend immer gewalttätiger werdenden Islam zu verstehen. Vor allen in kleineren Dörfern haben die christlichen Gemeinschaften enormen Zulauf, in manchen Dörfern stellen gar mittlerweile die Christen die Mehrheit. Eine interessante Entwicklung in einem sonst zu fast 100 Prozent muslimischen Land.

Nordafrika gehörte zur römischen Zeit zu den Urgemeinden des Christentums. Zwischen 189 und 199 war der libysche Berber Victor I. Papst in Rom. Schon im Jahre 203 fanden die Heilige Perpetua und Felicitas in Karthago den Märtyrertod. In Nordafrika haben die Heiligen Tertullian und Cyprianus von Karthago gewirkt. Der bekannteste ist der Kirchenlehrer Augustinus (354–430), der als Bischof von Hippo und „Intelligenz Europas“ (Kardinal Newman) das Christentum geformt hat. Mit der Eroberung Nordafrikas durch die germanischen Vandalen seit 428 begann jedoch der Niedergang des Christentums. Das christliche Mönchswesen aus Ägypten hatte im Maghreb noch keinen Fuß gefasst. Die Vandalen brachten den Arianismus mit und schwächten das Christentum, das so eine leichte Beute der islamischen Eroberer seit dem 7. Jahrhundert wurde.

Militärische Eroberungsversuche europäischer Mächte in Nordafrika

Letzte christliche Reste konnten sich vor allem in den Berbergebirgen bis ins 11. Jahrhundert halten, danach verschwanden ihre Spuren. Nach dem Niedergang der großen islamischen Reiche und der Reconquista Spaniens im 15. Jahrhundert wurde Nordafrika immer mehr ein Zentrum des islamischen Sklavenhandels. Den Razzien der Korsaren fielen seit dem 16. Jahrhundert immer mehr Europäer zum Opfer, so auch der spanische Nationaldichter Cervantes. Zwei katholische Orden, die Mercedarier und die Trinitarier, wurden zum Loskauf dieser Sklaven gegründet. Die Versklavung ganzer Dörfer führte seit dem 16. Jahrhundert immer wieder auch zu militärischen Eroberungsversuchen europäischer Mächte in Nordafrika: Spanier, Engländer, Dänen, Finnen, US-Amerikaner und Franzosen versuchten auf diese Art mehrmals, ihre Landsleute zu befreien. Im Jahre 1830 führte ein solcher Befreiungsversuch zur dauerhaften Landnahme Frankreichs in Algier, der 132 Jahre dauern sollte.

Die französische Herrschaft blieb die ersten Jahrzehnte auf die Städte beschränkt, da es bis 1884 verschiedene Aufstände der lokalen arabischen und berberischen Bevölkerung gab, nur die einheimischen Juden standen ganz auf der Seite der Franzosen und erhielten deshalb seit 1880 mit dem „Decret Cremieux“ die französischen Bürgerrechte. Die Kirche hatte zunächst große Probleme, sich im französischen Algerien einzurichten. Nur als Militärseelsorger konnten seit 1830 Priester in der neuen Kolonie wirken und auch ihnen wurde das Leben im antiklerikalen, republikanischen Frankreich schwer gemacht.

Rolle der Kirche im späten 19. Jahrhundert gestärkt

Erst 1838 konnte das Bistum Algier errichtet werden. Mit der Zeit versuchte der französische Staat immer mehr auf die Dienste der Kirche zurückzugreifen und sie in die Kolonisation miteinzubinden. Unter den Muslimen durfte die Kirche allerdings lange nicht wirken.

Vor allem nachdem 1867 Charles Lavigerie (1825–1892) zum Erzbischof von Algier ernannt worden ist, wurde die Rolle der Kirche zunehmend gestärkt. Schon vor seiner Berufung nach Algier hatte er als Direktor der Orientschule des Vatikans Kontakte zu dem aufständischen Scheich Abdelkader, wodurch sich die christlich-islamischen Beziehungen für Jahrzehnte verbesserten. Bereits 1868 gründete er die Weißen Väter und 1869 die Weißen Schwestern als Missionsgesellschaften in Algerien. 1882 wurde er durch Papst Leo XIII. ins Kardinalskollegium aufgenommen. 1884 wurde er außerdem Erzbischof von Karthago und Primas von Afrika. Ihm gelang es in Afrika sogar, durch den Toast von Algier 1890 die in Frankreich zunehmend stärker werdende Trennung von Kirche und Staat zu umgehen und den Einfluss der Kirche in Algerien weiter auszubauen, wozu auch eine Aufhebung des Missionsverbots gehörte.

Ausgangspunkt einer groß angelegten Missionsbewegung

Algerien wurde unter Charles Lavigerie, wie schon zu Zeiten des Heiligen Augustinus, zum Ausgangspunkt einer groß angelegten Missionsbewegung, die später, nachdem die europäischen Mächte Afrika untereinander aufgeteilt hatten, den gesamten schwarzen Kontinent erfassen sollte.

Kardinal Lavigerie war einerseits ein Missionar im klassischen europäischen Sinne, der mit der Frohen Botschaft den einheimischen Völkern auch das Licht der Zivilisation bringen wollte, andererseits verlangte er aber von seinen Missionaren eine moderne Art von Mission, die sich nicht nur auf Predigen und die Verkündigung beschränkte, sondern von Anfang an auch soziale Arbeit und Wohltätigkeit mit einschloss. So gründete er gleich zu Beginn der Missionsarbeit zwei Dörfer für getaufte arabische Waisenkinder: St. Cyprien und Sainte Monique des Attafs in der Kabylei. Diese beiden Dörfer wurden zu Mustersiedlungen für ganz Algerien, sie sollten, da der Islam Proselytismus verbietet, Ausgangspunkte eines christlich algerischen Volkes werden.

Jedoch auch die letzten katholischen Kabylen haben bereits 1962 ihre Heimat gen Frankreich verlassen.