„München war anders“

Die Professoren Grosser und Löw zeigen, dass München nicht so war, wie das NS-Doku-Zentrum in München behauptet – Besuch einer Buchvorstellung. Von Eduard Werner

V.l.n.r.: Die Professoren Felix Dirsch, Konrad Löw, Alfred Grosser sowie Konrad Badenheuer und Willi Laun. Foto: Eduard Werner
V.l.n.r.: Die Professoren Felix Dirsch, Konrad Löw, Alfred Grosser sowie Konrad Badenheuer und Willi Laun. Foto: Eduard Werner

Das NS-Doku-Zentrum, das zu einem Drittel vom Bund, zu einem Drittel vom Land Bayern und zu einem Drittel von der Stadt München finanziert wird, bietet seit seiner Eröffnung am 30. April 2015 ein sehr parteiliches Bild von München und von den Katholiken. Doch München und die Katholiken waren nicht so, wie sie in diesem Haus dargestellt werden: Bei der Buchvorstellung „München war anders“ am 16. Juni 2016 im Münchner Presseclub war der international hoch angesehene Professor Alfred Grosser aus Paris der Star. Er wandte sich gleich am Anfang gegen Pauschalierungen und undifferenzierte Verurteilungen. Auch die Anwesenheit von Altoberbürgermeister Hans Jochen Vogel zeigte die Bedeutung dieser Veranstaltung.

Das Doku-Zentrum hatte mit einer Auswahl eher einseitig formulierter Schautafeln dargetan, dass in der NS-Zeit die Münchner überwiegend antisemitische Anhänger Hitlers gewesen seien. Auf einer Veranstaltung des Doku-Zentrums behauptete Professor Wirsching am 10. Juni 2016 sogar, Kardinal Faulhaber habe „ideologische Affinitäten und ein erschreckendes Verständnis für Hitlers Vernichtungsprogramm“ gezeigt. Ein ungeheurer Vorwurf, der nicht belegt wurde. Die Kritik am Doku-Zentrum lässt sich in zwei Aspekten zusammenfassen: Manche Schautafeln interpretieren verfälschend und entscheidende Stimmen von überlebenden Juden und Sozialdemokraten werden unterschlagen.

Was soll beispielsweise das Bild vom segnenden Kardinal Faulhaber in einer NS-Dokumentation, wenn dieser Kardinal den Nationalsozialisten nie einen Segen gespendet hat? Oder ein anscheinend nachgedrucktes Wahl-Plakat der Nazis „Katholiken wählen NSDAP“? Nur wer mit einer guten Brille das Kleingedruckte lesen kann, findet heraus, dass es sich um ein Wahlplakat der NSDAP handelt und nicht um eine Aufforderung der Kirche! Soll hier den Besuchern trotz gegenteiliger Wahlergebnisse der Kirche eine Komplizenschaft mit der NSDAP vorgegaukelt werden?

Professor Grosser – als Jude hier ein unverdächtiger Zeuge – stellte fest, dass München nicht so antisemitisch gewesen sein konnte. Das zeige schon allein die Tatsache, dass die weitaus meisten der sogenannten gemischt „jüdisch-arischen“ Ehen dem Druck der Nationalsozialisten zur Ehescheidung widerstanden haben. Von den 1 159 Ehen wurden in München nur 123 geschieden. Die 1 036 Münchner, die ihren jüdischen Ehepartnern treu blieben, mussten bekanntlich erhebliche Benachteiligungen ertragen. Führende Sozialdemokraten im Prager Exil schrieben 1937 „München ist keine nationalsozialistische Stadt“.

Auch der Vorwurf, München habe nach dem Krieg das gewaltige Unrecht des Hitlerregimes verdrängt und nicht zur Kenntnis genommen, sei offensichtlich falsch. Der auch in Frankreich hochgeschätzte Weihbischof Neuhäusler habe vier Jahre im KZ Dachau gelitten, er habe am Rand des KZ-Geländes ein Sühnekloster errichtet. Auch zeige der Erfolg der Bücher von Johannes Neuhäusler „Kreuz und Hakenkreuz“, von Eugen Kogon „Der SS-Staat“ und des Tagebuchs der Anne Frank, dass die Verbrechen der Nazis durchaus aktuell waren. Grosser bestätigte eindrucksvoll, dass die vielen literarischen Zeugnisse von Juden und auch von prominenten Sozialdemokraten im Doku-Zentrum einfach unerwähnt geblieben seien.

Auf die Frage, ob nicht auch Professor Löw seine Belege einseitig ausgewählt habe, konnte Löw jedoch souverän antworten: „Bitte nennen Sie mir ein für München ungünstiges Original-Zitat und ich werde es sofort in mein Buch aufnehmen. Darauf meldete sich niemand zu Wort. Vorher hatte schon bei der großen Leserschaft der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ niemand einen Gegenbeleg liefern können.

Das Buch „München war anders“ sagt eben die Wahrheit und es ist auch gut belegt. Schließlich bekam die NSDAP bei den letzten freien Wahlen im November 1932 nur 18 Prozent der Stimmen in München. Die Erzdiözese München könnte in Löws Dokumentationen hervorragende Argumente für Faulhaber finden, wenn sie sich entschließen würde, Kardinal Faulhaber zu verteidigen. Dieser hatte schließlich schon 1933 mit seinen Adventspredigten den Antisemitismus zurückgewiesen und gesagt: „Wir wurden nicht mit germanischem Blut erlöst.“

Auch seine Fahrt auf den Obersalzberg am 4. November 1936 geschah nicht – wie im Presseclub behauptet – aus Sympathie, sondern zur Verteidigung der Kirche. Dort hatte er den Mut, Hitler ins Gesicht zu sagen „Auch Sie, Herr Hitler, müssen einmal sterben!“

Kurz vor dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler war ein Mitverschwörer bei Faulhaber in der Wohnung, was der Gestapo nicht verborgen blieb. Überdies hat die Kirche das Verbot von 1932, die NSDAP zu wählen, nie zurückgenommen. Im März 1933 haben die Bischöfe nach Zugeständnissen von Hitler formuliert: „Wir hoffen, unsere Vorbehalte und Befürchtungen künftig nicht mehr hegen zu müssen.“ Das war aber keine inhaltliche Rücknahme der Vorbehalte, eher eine Bestätigung. Im NS-Dokumentationszentrum wird dies alles verschwiegen – und dadurch Geschichte verfälscht dargestellt.

Konrad Löw/Felix Dirsch: „München war anders“. Olzog-Verlag/Lau-Verlag, Reinbek 2016, ISBN 978-3-95768-182-9, 192 S., EUR 16,90