„Momentan wird alles gebraucht“

Cordula Wasser von Malteser International über die Taifun-Katastrophe auf den Philippinen. Von Clemens Mann

Cordula Wasser. Foto: Malteser
Cordula Wasser. Foto: Malteser
Frau Wasser, der Taifun „Haiyan“ hat am Freitag die Philippinen getroffen. Von Tausenden von Opfern ist die Rede. Welches Bild haben Sie jetzt am dritten Tag nach der Katastrophe?

Die Katastrophe hat Ausmaße entwickelt, die vergleichbar mit dem Tsunami 2004/2005 in Indonesien und Sri Lanka sind. Die Inseln Samar und Leyte sind weitgehend zerstört, die ganze Infrastruktur ist zusammengebrochen. Man geht von mehr als zehntausend Toten aus. Es ist eine absolute Katastrophe für die Überlebenden.

Die Philippinen gelten als katholisch geprägtes Land. Liegen Ihnen bereits Berichte vor, wie stark die philippinischen Ortskirchen betroffen sind?

Wir arbeiten sehr eng mit dem Malteserorden auf den Philippinen zusammen. Und der Malteserorden pflegt ein enges Verhältnis zu allen Diözesen, die seit Jahren karitative Hilfe nach Katastrophen leisten. Infolge dieses Taifuns haben wir direkt Kontakt aufgenommen zu verschiedenen Diözesen in Leyte, Samar und in Bohol, wo wir tätig sind, um zu erfahren, was die Kirchen und Diözesen brauchen. Aber auch hier können wir noch keine klaren Aussagen machen. Es ist so, dass zum Beispiel in Samar und auch in Leyte kaum ein Krankenhaus mehr funktionstüchtig ist. Wir gehen davon aus, dass es bei Kirchengebäuden ganz ähnlich aussieht.

Wie wirkt sich die Zerstörung der Infrastruktur auf Ihre Arbeit aus?

Die Zerstörung der Infrastruktur erschwert uns von Beginn an die Hilfstätigkeit. Wir wollten am Wochenende sofort eine Erkundung auf Leyte beginnen, aber der Hauptflughafen in Tacloban ist zerstört; es landen dort nur noch Militär-Hubschrauber und -Flugzeuge. Für unsere Erkundung mussten wir daher Landwege nehmen. Auch für die Hilfstransporte, die bereits angelaufen sind, steht oft nur der Landweg zur Verfügung. Außerdem müssen Flüge mit Hilfsgütern auf Nachbarinseln landen. Von dort setzen wir mit der Fähre nach Samar und Leyte über.

Erschweren Ihnen Plünderungen und teils anarchische Zustände die Hilfstätigkeit?

Es handelt sich um Plünderungen von Geschäften. Ich habe noch nichts darüber gehört, dass Hilfsorganisationen deswegen nicht arbeiten könnten.

Viele Krankenhäuser sind nicht mehr in Betrieb. Welcher Bedarf besteht darüber hinaus?

Momentan wird einfach alles gebraucht: Zelte, Zeltplanen, Lebensmittel, Wasserversorgung, Wasserentsorgung. Der Bedarf ist riesig in der akuten Nothilfe bei Millionen Betroffenen Darüber hinaus konzentrieren wir uns auf die medizinische Versorgung und liefern Tabletten und Antibiotika, um einen Ausbruch von Seuchen zu vermeiden. Die Menschen in der Region benötigen alles.

Gehen Sie davon aus, dass sich die Katastrophe in den nächsten Tagen noch zuspitzen wird?

Wir wissen, dass sich die Lage zuspitzen kann, da sich die hygienische Situation gerade in solchen Katastrophensituationen nochmals verschlechtern kann und somit Krankheiten ausbrechen können. Wir planen derzeit noch, wissen aber bereits, dass die Menschen in den nächsten Tagen zu wenig zum Essen und zum Trinken haben werden.

Küstenstädte in der betroffenen Region sollen dem Erdboden gleich gemacht worden sein. Mit welchen langfristigen Folgen rechnen Sie?

Die Philippinen sind ein relativ armes Land. Es gibt nur vereinzelt reiche Menschen. Die Menschen in den betroffenen Regionen haben jetzt ihr ganzes Hab und Gut verloren, etwa Häuser, Möbel, Kochutensilien. Diese Menschen haben auch in den nächsten Monaten kaum eine Möglichkeit, sich ein Einkommen zu erwirtschaften. Ihnen wird es noch schlechter gehen. Ich sehe aber noch ein anderes, größeres Problem: Die Philippinen sind eines der am meisten von Taifunen, Wirbelstürmen und Erdbeben betroffenen Länder der Welt. Haiyan ist kein Einzelfall. Die Philippinen werden immer wieder von solchen Katastrophen heimgesucht. Auch jetzt ist wieder ein neuer Sturm in Anmarsch. Wir müssen den Menschen dort auf Jahre helfen. Und wir tun das bereits seit Jahren mit Katastrophenvorsorgeprojekten.

Haiyan ist nach Vietnam und nach Südchina weitergezogen. Wie ist die Lage dort?

Der Taifun hat sich abgeschwächt. Er gilt jetzt nur noch als Tropensturm. Heute morgen habe ich mit unseren Projektmitarbeitern in Zentralvietnam gesprochen. Wir sind froh, dass Vietnam nicht so betroffen ist wie die Philippinen.