„Mit den Kriegsverbrechern gibt es keine Versöhnung!“

Die militanten Islamisten seien im osmanisch geprägten Bosnien nur eine kleine Gruppe, sagt Großmufti Husein Kavazovic im „Tagespost“-Interview Von Stephan Baier

Husein Kavazovic ist als Reis ul-Ulema das Oberhaupt der bosnischen Muslime. Foto: Hurnaus
Husein Kavazovic ist als Reis ul-Ulema das Oberhaupt der bosnischen Muslime. Foto: Hurnaus
An die 400 Jahre währende osmanische Herrschaft gibt es in Bosnien-Herzegowina unterschiedliche Erinnerungen. Was verbindet die muslimische Bevölkerung in diesem Land mit der Zeit der Osmanen?

Bosnien war nicht das einzige Land, das von den Osmanen regiert wurde, sondern ebenso viele andere Länder auf dem Balkan. Diese Zeit und diese Tradition sind sehr wichtig und haben hier einen wichtigen Platz. Was uns mit dieser Zeit verbindet, ist nicht bloß Kultur und Religion. Auch andere Dinge, wie die Architektur oder das Essen, das alles ist geblieben von der osmanischen Kultur bei den bosnischen Muslimen.

Welche Erinnerungen und Gefühle verbinden Sie im Vergleich dazu mit der viel kürzeren Herrschaftszeit der Habsburger?

Die Habsburger-Epoche, das ist eine Zeit der Modernisierung der muslimischen Gemeinschaft. In diesen 40 Jahren hat die islamische Gemeinschaft einen Wandel von einem kulturellen System in ein anderes durchgemacht. Das ist für uns eine sehr wichtige Ära, denn in dieser Zeit wurde die Islamische Gemeinschaft als Gemeinschaft der bosnischen Muslime gegründet. Wenn wir von dieser Periode sprechen, so sprechen wir von der modernen Periode, von einer kulturellen Formierung des Volkes. Damals bildete sich heraus, was heute die bosnischen Muslime ausmacht. Darüber sind wir sehr froh, denn jetzt sind die bosnischen Muslime ein Teil der europäischen Gemeinde. Seit dieser Zeit haben sie auch ihre kulturelle Identität gewonnen, die sie zu Europäern macht. Es geht also um unsere Entwicklung zur europäischen Kultur. Zugleich sind wir auch orientalisch, verbinden Ost und West, die östliche und die westliche Kultur. Auch in der osmanischen Zeit waren die Menschen in Bosnien-Herzegowina natürlich Europäer. Aber die 40 Jahre unter den Habsburgern haben uns eine europäische Identität gegeben. Wir haben liebevoll unsere Tradition bewahrt und gehütet in der Zeit des königlichen Jugoslawiens, wie später in der Zeit des sozialistischen Jugoslawiens.

Im jüngsten Krieg 1992–1995 und durch ihn ist viel an Wandel geschehen: Vor dem Krieg galt der Islam in Bosnien-Herzegowina als moderat, mitunter sogar als säkular. Sind die Muslime in Ihrem Land heute religiöser, frömmer geworden?

Es hat sich viel verändert. Die Säkularität der bosnischen Muslime stammt nicht aus dem Zeitraum der habsburgischen Monarchie. Auch in osmanischer Zeit gab es bereits solche säkularen Tendenzen. Die Säkularität und die säkularen Ideen haben in der bosnischen-muslimischen Erinnerung eine lange Tradition. In der sozialistischen Zeit lebten die Muslime in einer völlig säkularen Gesellschaft. Die Scharia-Gerichte waren aufgelöst. So wissen die bosnischen Muslime zu unterscheiden, was von dieser Welt und darum säkulär ist, und was von der anderen Welt ist. Heute ist Säkularität etwas Normales, und das ist gut. Gleichwohl hat die Religion einen Einfluss auf den Staat, wie auch der Atheismus und die anderen philosophischen Weltanschauungen einen Einfluss auf den Staat haben. Das ist normal. Religion wird immer Einfluss auf die Gesellschaft haben. Und auch der Atheismus wird seinen Einfluss auf die Gesellschaft haben.

Gibt es unter den Muslimen in Bosnien-Herzegowina heute nicht auch fanatische, radikale Kräfte, insbesondere beeinflusst durch Saudi-Arabien, den Iran und andere Staaten der islamischen Welt?

So, wie jedes Volk seine Spaltungen hat! Radikale Islamisten gibt es nicht nur in Bosnien, sondern auch in anderen Staaten. Überall gibt es verschiedene Tendenzen. Es gibt fanatische, militante Gruppen, aber die sind marginal. Die militanten Islamisten sind bloß eine kleine Gruppe, denn die Mehrheit der bosnischen Muslime ist im traditionellen Islam verankert. Die radikale Gruppe ist klein. Die bosnischen Muslime haben ihre Tradition, und diese ist viele Generationen alt – und sie wissen es und lehren es, und das ist sehr wichtig in dieser neuen Zeit, damit wir heute den Glauben verstehen können. Wir haben immer verstanden, unsere Tradition zu hüten. Das ist sehr wichtig. Die bosnischen Muslime wissen, was kostbar und von Wert ist.

Der Einfluss der Türkei hat in dieser Region Südosteuropas eine lange Geschichte und Tradition. Aber es gibt heute einen neuen Einfluss von Staaten wie Saudi-Arabien und dem Iran. Bereitet Ihnen das nicht Sorge?

Dass es freundschaftliche Verbindungen, diplomatischer und ökonomischer Art gibt, das ist eine normale Verbundenheit. Die bosnischen Muslime haben gute Beziehungen zu den Muslimen in anderen Ländern, aber die bosnische Tradition ist eine osmanische Tradition. Wir sprechen davon, dass wir bosnische Muslime sind, mit unserer Tradition. Und das ist eine osmanische Tradition, die wir liebevoll hüten.

Es gab während des Krieges sehr viel Leid und Tod auf allen Seiten. Gibt es heute, zwanzig Jahre nach Ende des Krieges, aus Ihrer Sicht bereits eine Versöhnung zwischen Serben, Muslimen und Katholiken? Oder gibt es wenigstens einen Fortschritt in dieser Versöhnung?

Bosnien-Herzegowina ist in einem Prozess, und den können wir nicht in kurzer Zeit absolvieren. Man kann nicht „klick“ machen, und es ist erledigt. Seit dem Ende des Krieges gibt es Ansätze zur Versöhnung, aber das ist ein Prozess. Wir können nicht wissen, wieviel Zeit das brauchen wird. Aber mit den Kriegsverbrechern gibt es keine Versöhnung! Es gibt keine Versöhnung mit dem deutschen Nazitum, mit dem italienischen Faschismus, mit dem bosnischen Genozid. Mit jenen Leuten, die verantwortlich sind für die Gräueltaten und für das Böse in Bosnien-Herzegowina, gibt es keine Versöhnung. So wie es keine Versöhnung mit den Nazi-Freunden und den Faschisten geben kann, können sich die bosnischen Muslime auch nicht versöhnen mit jenem Teil des politischen Establishments.

Wie steht es um die interreligiösen Beziehungen zwischen der Islamischen Glaubensgemeinschaft und der katholischen Kirche auf der einen Seite, und zwischen Ihrer Gemeinschaft und der serbisch-orthodoxen Kirche auf der anderen Seite?

Unsere Kontakte zur katholischen Kirche haben nie aufgehört. Das waren immer sehr korrekte Beziehungen, die nie abgebrochen wurden. Auch in der Zeit des Krieges hat es immer Kontakte zur katholischen Kirche gegeben. Da ist eine sehr gute Beziehung! Einer kann dem anderen helfen. Das ist gut. Dieser Kontakt ist gut, ja freundschaftlich und nachbarschaftlich. Wir repräsentieren den Monotheismus, den monotheistischen Glauben. Das ist es, was uns verbindet! Wir haben nicht viele offene Fragen mit der katholischen Kirche. Wir haben allerdings Schwierigkeiten gehabt mit den Orthodoxen. Die Beziehung zur serbisch-orthodoxen Kirche ist seit dem letzten Krieg belastet von Problemen. Da gab es einige Priester, die den Krieg und den Genozid propagierten und diesen Kampfverbänden ihren Segen gaben. Heute sind die Beziehungen besser, und auch in der serbisch-orthodoxen Kirche sind einige, die zu einem besseren Zusammenleben finden wollen. Es gibt ja auch in der orthodoxen Kirche gute Menschen, die verstehen und verurteilen, was geschehen ist. Es ist für Bosnien gerade jetzt sehr wichtig, dass diese Stimme, diese Botschaft gehört wird. Mit der Zeit kehren wir zur Normalität zurück.

Am 6. Juni kommt Papst Franziskus nach Sarajevo. Was bedeutet dieser Papst-Besuch für Sie persönlich und für die Muslime in Bosnien-Herzegowina?

Wir wissen um die Bedeutung des Papstes für die Katholiken, aber seine Bedeutung ist noch viel höher. Auch von den bosnischen Muslimen wird er herzlich willkommen geheißen! Sein Besuch ist eine sehr große Ehre. Hier haben wir es zunächst mit einem Besuch bei den Katholiken in Bosnien zu tun, es ist aber auch für uns bosnische Muslime eine Ehre, ihn hier zu haben. Seine Botschaft vom friedlichen Zusammenleben ist das, was Bosnien heute besonders braucht: die Themen der Einheit, des Friedens, dass wir alle Geschöpfe Gottes sind, dass wir Verantwortung dem Leben gegenüber haben und eine Verantwortung gegenüber den Armen.

Als Papst Franziskus im September 2014 in Albanien war, konnte er dort die guten Beziehungen zwischen Muslimen und Christen loben. Was kann oder soll der Papst in Sarajevo sagen über die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen? Welche Botschaft erhoffen Sie von ihm?

Eine universale Botschaft. Ich denke, dass es notwendig ist, dass der Papst für die Christen, und ebenso auch für die Muslime spricht. Wir hoffen, dass er über den Genozid spricht, über Srebrenica. Es wäre ganz wichtig, dass der Papst dazu etwas sagt! Wir erwarten seine Hilfe für den Aufbau des Friedens, sowie Worte zum Schutz des Lebens und zur Hilfe für die Armen. Bosnien-Herzegowina ist durch schwere Zeiten gegangen. Für uns sind nun 20 Jahre seit dem Genozid vergangen. Wir erwarten, dass der Papst diesen Genozid beim Namen nennt. Wir erwarten, dass er glaubwürdige Botschaften an alle vier Glaubensgemeinschaften richtet: an Katholiken, Orthodoxe, Muslime und Juden. Wir sind hier vier Gemeinschaften, und das Unglück des Einen ist ein Unglück für alle. Die Freude des Einen ist auch die Freude aller. Ich hoffe, dass der Papst sagt: Was für einen Menschen in Bosnien schlecht ist, ist für alle schlecht – und was für einen gut ist, sollte für alle gut sein. Der Papst sollte aber auch gegen die Islamophobie sprechen. Das wäre sehr wichtig für alle europäischen Muslime.

Bosnien-Herzegowina funktioniert auch heute noch nicht wie ein normaler Staat. Da gibt es viele politische Probleme, Korruption und soziale Nöte. Auf welchen politischen Weg hoffen Sie für Ihr Land?

Wir bosnischen Muslime sehen in der EU-Integration den einzigen Weg, den Bosnien gehen kann. Das wäre das Beste! Bedenken wir, dass das wichtig wäre für Muslime, Katholiken und orthodoxe Serben. Die Sicherheit für den Menschen, also dass wir das menschliche Leben schützen sollen, das lehren alle Religionen: der Islam, das Christentum, das Judentum. Die Europäische Union hat eine Botschaft der Sicherheit für das Leben der Menschen. Und das entspricht der Botschaft, die die Religionen haben – die muslimische, die katholische, die serbisch-orthodoxe und auch die Juden.

In Europa wächst die Zahl der Muslime, aber nicht aus Bosnien oder Albanien kommend, sondern von außerhalb Europas, und in einer Vielfalt von Kulturen und Spiritualitäten. Sehen Sie darin eine Bedrohung oder eine Bereicherung für Europa?

Die Religionen und die Spiritualität kennen keine Grenzen. Gott spricht niemals zu einer Gemeinde, sondern er spricht immer zu einem Menschen. Jeder wählt seine Spiritualität, seine Religion. Das ist eine Bereicherung. Wir haben die Erde aufgeteilt in Kontinente, aber für die Religion gibt es keine Grenzen. Es ist sehr gut für die Menschen, interreligiöse Beziehungen zu haben. Davon kann das geistig-seelische Leben profitieren. Im gegenseitigen Verstehen liegt die Zukunft.

Hintergrund: Seit der osmanischen Eroberung im Jahr 1463 gibt es Muslime in Bosnien. Viele katholische Familien konvertierten im Laufe der vierhundertjährigen Zugehörigkeit des Landes zum Osmanischen Reich zum Islam oder zur Orthodoxie. Erst mit der habsburgischen Herrschaft bekamen die bosnischen Muslime ein eigenes, von Istanbul unabhängiges geistliches Oberhaupt: 1872 ernannte der österreichische Kaiser Franz Joseph den ersten Reis-ul-Ulema. Für die Muslime, die in Bosnien-Herzegowina damals etwa ein Drittel der Einwohner stellten, erließ das kaiserliche Österreich 1912 ein Islamgesetz, mit dem „der Islam nach hanefitischem Ritus“ offiziell als „Religionsgesellschaft im Sinne des Staatsgrundgesetzes“ anerkannt wurde. Heute bekennen sich etwa 45 Prozent der Einwohner Bosnien-Herzegowinas zum Islam. Als 14. Reis-ul-Ulema ist der in Sarajevo residierende Husein Kavazovic seit 2012 ihr Großmufti und das religiöse Oberhaupt aller bosnischen Muslime. sb