Mit Rosenkranz und frommen Litaneien

Bei der Europawahl wird Matteo Salvini zum starken Mann Italiens – und das auch mit den Stimmen vieler Katholiken. Von Guido Horst

Europawahl - Italien
Eine demonstrative Geste: Matteo Salvini küsst bei einer Pressekonferenz das Kreuz. Foto: dpa

Nur ein Jahr ist seit den Nationalwahlen vom März 2018 vergangen – aber das hat gereicht, um die politischen Kräfteverhältnisse in Italien mit dem Ausgang der Europawahlen nochmals völlig zu verändern. Mit 34 Prozent für die „Lega“ triumphiert deren Chef, Innenminister Matteo Salvini, und deklassiert den Wahlsieger des vergangenen Jahres, die „Bewegung der fünf Sterne“, zum Juniorpartner in der gemeinsam gebildeten Regierungskoalition. Mit 17 Prozent hat sich deren Stimmenanteil nahezu halbiert. Mit vier Prozent im Landesdurchschnitt hatte Salvini nach den Wahlen 2013 angefangen, erst überrundete er die Berlusconi-Partei – und jetzt die von Beppe Grillo gegründete Bewegung. Ein beispielloser Aufstieg, der den 46 Jahre alten Mailänder zur bestimmenden Gestalt im Stiefelstaat macht.

Salvini füllt eine Lücke

Ganz bewusst hatte Salvini in den letzten Jahren auf die Stimmen aus dem „katholischen Lager“ gesetzt, wobei dieses „Lager“ in Italien schon vor über zwanzig Jahren seine politischen Konturen verloren hat. Auch wenn weit über achtzig Prozent der Italiener katholisch sind und von diesen um die dreißig Prozent ihren Glauben praktizieren – das heißt in den 227 Diözesen des Landes nehmen knapp zwanzig Millionen Menschen am Leben ihrer Kirche teil –, schlägt sich das nicht in der Existenz einer dezidiert christlichen Partei nieder. Seit dem Untergang der alten „Democrazia cristiana“ im Korruptions- und Parteispenden-Skandal der Jahre 1993/1994 stellen zum einen Papst und Vatikan einen durchaus auch politischen Orientierungspunkt für die Katholiken des Landes dar.

Zum anderen werden diese von politischen Parteien umworben, die zwar kein christliches Gen in ihrer DNA haben, aber mit den politischen Ansichten des katholischen Bürgertums über eine breite Schnittmenge zu verfügen meinen. Das galt zunächst für die „Forza Italia“ Silvio Berlusconis, der selber religiös unmusikalisch war, sich aber mit dem alten Weggefährten Gianni Letta einen eigenen Verbindungsoffizier zum kirchlich-vatikanischen „orbis cattolicus“ hielt.

Mit dem Niedergang der Berlusconi-Partei ist Salvini in diese Lücke hineingestoßen. Rosenkranz und Bibel gehören zu den Requisiten seiner politischen Auftritte.

Bei der zentralen Kundgebung zur Europawahl am 18. Mai auf dem Domplatz in Mailand fügte er etwa einen Passus in seiner Rede ein, den man selbst von dem legendären Berufs-Katholiken Giulio Andreotti nie gehört hätte: „Wir vertrauen uns“, so der Lega-Chef mit einem Rosenkranz in der Hand, „den sechs Schutzpatronen dieses Europas an: dem heiligen Benedikt von Nursia, der heiligen Birgitta von Schweden, der heiligen Katharina von Siena, den Heiligen Kyrill und Methodius und der heiligen Teresia Benedicta vom Kreuz... Ich persönlich vertraue Italien, mein und euer Leben dem Unbefleckten Herzen Mariens an. Ich bin sicher, dass sie uns zum Sieg verhelfen wird, denn dieses Italien, dieser Platz, dieses Europa sind Symbole von Müttern und Vätern, Männern und Frauen, die mit einem Lächeln, mit Mut und mit Entschlossenheit das friedliche Zusammenleben wollen, die respektieren, aber auch respektiert werden wollen.“

Der Papst-Vertraute Antonio Spadaro SJ, Chefredakteur der Jesuiten-Zeitschrift „La Civilta Cattolica“, reagierte gereizt: „Politische Versammlungen sind nicht der Ort, wo man Litaneien herunterbeten sollte – und das im Namen von Werten, die mit Jesus Christus nicht das Geringste zu tun haben“, schrieb er auf „Facebook“.

Und selbst Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin übte am Rande eines Festes der Lateran-Basilika zurückhaltende Kritik: „Gott für sich selbst anzurufen ist immer gefährlich.“ Die katholische Wochenzeitung „Famiglia cristiana“ nannte in ihrem Leitartikel explizit, was sie stört: Der Auftritt Salvinis in Mailand „war zum x-ten Mal ein Beispiel für eine religiöse Instrumentalisierung, um die systematische Verletzung der Menschenrechte in unserem Land zu rechtfertigen. Während der Chef der Lega das Evangelium hochhielt, wurde ein weiteres Schiff voller Menschen abgewiesen und die Vereinten Nationen verurteilen uns wegen des Sicherheits-Dekrets.“

Dieses von Salvini gewollte Dekret erschwert seit Ende vergangenen Jahres die Einwanderung, macht es leichter, Asylsuchende abzuschieben und nimmt Kommunen die Möglichkeit, Migranten aus humanitären Gründen eine zeitlich befristete Aufenthaltsgenehmigung zu gewähren. Und die von Seenotrettern aus dem Mittelmeer gefischten Flüchtlinge aus Nordafrika, die nicht mehr in italienische Häfen gebracht werden dürfen, sind ein Streitthema, das seit Sommer vergangenen Jahres in regelmäßigen Abständen für dramatische Fernsehbilder sorgt.

Gut vernetzt mit Franziskus-Kritikern

Dass Innenminister Salvini für seinen innenpolitischen Kurs – Abschottung gegen die Einwanderung von außen und verschärfte Sicherheitsbestimmungen im Inneren – die Unterstützung im katholischen Lager sucht, beschränkt sich nicht nur auf einige fromme Sprüche und Gesten bei öffentlichen Manifestationen, sondern hat Methode.

Im Oktober 2018 hatte Salvini in Rom einen Auftritt bei der „Fondazione Sciacca“, wo er gemeinsam mit dem amerikanischen Kardinal und Franziskus-Kritiker Raymond Leo Burke einen regelmäßig von dieser Stiftung ausgelobten Preis verlieh. Burke ist Ehrenpräsident der von traditionellen Katholiken, Militärs und Monarchisten getragenen Stiftung, Salvini fungiert als „Präsident des wissenschaftlichen Komitees“ der „Fondazione Sciacca“, die eher Gegner des jetzigen Papstes als Anhänger und Freunde von Franziskus versammelt. Auch beim Weltfamilienkongress in Verona Ende März tauchte Salvini auf – und sorgte dafür, dass das internationale Forum von Familien- und Lebensrechts-Organisationen in die Schusslinie der Medien und linken Parteien geriet – die der „Bewegung der fünf Sterne“ eingeschlossen.

So sehr die italienischen Bischöfe, aber auch die Medienleute des Papstes auf Distanz zu Salvini gehen, so sehr müsste diesen der triumphale Wahlerfolg des Lega-Chefs vom vergangenen Sonntag zu denken geben. Auch gläubige Katholiken wählen Salvini – da mag der Vatikan in Sachen Einwanderungspolitik noch so sehr auf einer gänzlich anderen Linie liegen.