Missionare, nicht Verschwörer

Von Stephan Baier

Verschwörungstheoretiker haben immer Recht. Wenn sie ihr System erst einmal so wasserdicht konstruiert haben, dass alles und das Gegenteil von allem zur Bestätigung ihrer Verschwörungstheorie herhalten muss, ist jede Art der Reaktion Wasser auf ihre Mühlen. Was immer (nicht) gesagt oder (nicht) getan wird, wird zu einer Bestätigung des immer schon Vermuteten. Wenn sich der Verschwörungstheoretiker schließlich ganz von der Wirklichkeit abgekoppelt hat, entfaltet sein Glaube maximale Suggestionskraft. Das 20. Jahrhundert war geprägt von zwei mörderischen Ideologien, die mit Verschwörungstheorien arbeiteten: Der Nationalsozialismus behauptete eine jüdische Weltverschwörung; der Kommunismus lebte von der Theorie einer Verschwörung des Kapitalismus gegen das Proletariat.

Wer meint, mit dem Zusammenbruch dieses Irrsinns sei neue Rationalität eingekehrt, freut sich zu früh. In Serbien sind Theorien einer Weltverschwörung angesichts der Kosovo-Frage nicht weniger populär als Anfang der 1990er Jahre, als Milosevic ideologisch zum Krieg rüstete. Osama bin Laden und seine Jünger glauben so fest an eine westliche Verschwörung gegen den Islam, dass ihnen nicht nur jede Abgrenzung, sondern auch jedes Entgegenkommen als Teil der perfiden Strategie zur Vernichtung ihres Glaubens erscheint. So behauptete der Terrorpate während der Karwoche, die dänischen Mohammed-Karikaturen seien Teil eines Kreuzzugs, mit dem „die Feinde in Europa und der Papst“ die Glaubensstärke der Muslime testen.

Das Dementi aus dem Vatikan folgte sofort: Federico Lombardi wies darauf hin, dass der Papst die Mohammed verhöhnenden Karikaturen mehrfach verurteilte. Der Heilige Stuhl hat sich konsequent öffentlich gegen die Herabsetzung jedes Glaubens gewandt. Vor einem Monat haben Vertreter des Papstes und der angesehenen Al-Azhar-Universität in Kairo gemeinsam die neuerliche Publikation der Karikaturen verurteilt. Die vom Präsidenten des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Kardinal Jean-Louis Tauran, unterzeichnete Erklärung wendet sich gegen die „wachsende Zahl von Angriffen gegen den Islam und seinen Propheten“. Sollte das alles Osama bin Laden entgangen sein? Ein echter Verschwörungstheoretiker lässt sich durch Fakten nicht erschüttern, sondern interpretiert sie als Bestätigung dafür, wie geschickt „der Westen“ gegen den Islam agiert.

Ob die Botschaften der Vorwoche tatsächlich von Osama bin Laden stammen, ob seine Drohungen ernst zu nehmen sind, damit sollen sich Geheim- und Sicherheitsdienste befassen. Für die politische Bewertung ist entscheidend, dass es muslimische Kräfte gibt, für die Osama bin Laden mehr eine Chiffre als ein Führer ist, die an eine globale Verschwörung gegen den Islam glauben und die bereit sind, für die Verteidigung ihres Glaubens zu töten und zu sterben. Diese Kräfte finden ihre Bestätigung: in der noch immer bestehenden wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Dominanz Amerikas, in jenen Regimen islamischer Länder, die von Washington abhängen oder mit „dem großen Satan“ Geschäfte machen, in korrupten muslimischen Regimen.

Die sicherste Art, den muslimischen Verschwörungstheoretikern in die Falle zu gehen, wäre eine anti-islamische Verschwörungstheorie. Dennoch breitet sich auch im Westen und in christlichen Kreisen die Auffassung aus, es gebe eine islamische Weltverschwörung gegen die westliche Lebensart, einen muslimischen Masterplan für die Weltherrschaft. Obwohl sich Hass und Gewalt von Muslimen seit Jahrhunderten mehrheitlich gegen Muslime richtet, obwohl es mehr nachweisbare westliche Dominanz in den islamischen Ländern gibt als umgekehrt, obwohl Millionen Muslime friedlich in westlichen Gesellschaften leben, während die Zahl der Gewalttäter gering ist, obwohl sich islamische Organisationen immer wieder von islamisch begründeter Gewalt distanzierten, finden westliche Verschwörungstheoretiker immer, wonach sie suchen.

Wie die Nationalisten benachbarter Staaten sich gegenseitig in die Hände spielen, so auch die Verschwörungstheoretiker unterschiedlicher Kulturen. Würde es Osama bin Laden nicht geben, so müsste er zur Bestätigung aller, die den Islam und seine Kultur hassen, erfunden werden. Umgekehrt: Hätte es die dänischen Mohammed-Karikaturen nicht gegeben, so hätte ein muslimischer Fanatiker sie zur Bestätigung seines Hasses auf den Westen erfinden müssen.

Der Papst geht nicht in die Falle der Verschwörungstheoretiker: Er eröffnete mit seinen Ansprachen in Regensburg und Ankara eine neue Dimension im christlich-islamischen Dialog. Mit den beiden Schreiben hochrangiger muslimischer Repräsentanten erhielt er eine qualifizierte islamische Antwort. Benedikt XVI. übergeht die problematische Seite des Islam nicht, aber er wagt die Einladung zu einem ehrlichen, offenen Dialog.

In der Osternacht nun taufte der Papst einen prominenten ehemaligen Muslim und macht damit deutlich, was für Christen unaufgebbar ist: Der ehrliche Dialog mit dem Islam führt nicht zur Aufgabe der eigenen, christlichen Prinzipien. Der universale Sendungsauftrag Jesu an seine Jünger führt diese zu allen Nationen und allen Kulturen. Nie kann die Kirche darauf verzichten, auch den Anhängern anderer Religionen Christus zu zeigen. Wahre Christen sind Missionare, nicht Verschwörer.