Michael Wolffsohn

Ein Grenzgänger. Von Michaela Koller

Michael Wolffsohn

Der alle zwei Jahre verliehene Franz-Werfel-Menschenrechtspreis des „Zentrums gegen Vertreibungen“ ist am Sonntag dem Historiker und Publizisten Michael Wolffsohn in der Frankfurter Paulskirche verliehen worden, als „denkbar würdigsten Kandidaten“ (Mathias Döpfner).

Der Laudator, Geschichtsprofessor Andreas Rödder aus Mainz, nannte Wolffsohn in seiner Rede einen Grenzgänger. Das stimmt einerseits biografisch: Im Mai 1947 kam er in Tel Aviv als Sohn deutscher Juden zur Welt. Sein Großvater war der Verleger und Kinobetreiber Karl Wolffsohn, der nach Enteignung und „Schutzhaft“ 1939 mit seiner Frau nach Palästina flüchtete. „Trotz deutscher Verbrechen und Verwirrungen“ kehrte die Familie schon 1954 nach Berlin zurück, weil sie „stets auch das andere Deutschland sahen – realistisch und unideologisch“, wie Enkel Michael einmal schrieb.

EIN GRENZGÄNGER

Im Jahr 1967 überschritt er noch einmal die Grenze, als er freiwillig Militärdienst in Israel leistete und zugleich die dortige Hochschulreife erwarb. Im Jahr 1984, nach Studium, Promotion und Doppelhabilitation in Politik und Geschichte mit Stationen in Berlin, Tel Aviv, New York und dann Saarbrücken, war er bereits drei Jahre Professor an der Bundeswehr-Universität München und entschloss sich zum Verzicht auf eine Bindestrich-Existenz: Er gab den israelischen Pass zurück. Als deutschjüdischen Patrioten bezeichnete er sich schon vor Jahrzehnten und diesem „politischem Grundgefüge“ blieb er, allen Anfeindungen zum Trotz, treu, so wie auch seinem Lehrstandort bis zur Emeritierung 2012.

Zu ungezählten Fragen des politischen und gesellschaftlichen Diskurses wird seine Stimme gehört und zu den besten Zeiten kam man schon mal mit dem Sammeln seiner wenig vorhersehbaren Antworten, Zwischenrufe und des Nachhalls seiner mehr als 30 Bücher nicht mehr recht nach.

Ein „gefälliger Allerweltskerl“ wollte Michael Wolffsohn nie sein. In seiner Dankesrede für den Werfel-Preis kritisierte er nun, dass das Eintreten für die Menschenrechte national wie international oft mehr deklamatorisch als faktisch sei, politisch gefällig also anstatt allgemeinen Prinzipien folgend. Er selbst denkt und spricht von den Grundsätzen her, wenn er etwa an die Vertreibung der Deutschen erinnert, den Blick nicht auf seine eigene Opfergruppe verengend.

Damit macht er sich geistig zum Grenzgänger, der dies auch praktisch lebt: Die Erbschaft einer heruntergekommenen Wohnsiedlung in Berlin sanierte er unter Einsatz eines Großteils seines Vermögens und schuf dort mit seiner Frau Rita ein deutsch-jüdisch-türkisch-interkulturelles Kultur- und Integrationsprojekt.