Merkel dankt Polizisten

Nach Axt-Attentat in Würzburg: Regierungssprecher spricht von der Tat eines Einzelnen – Islam-Experte bezweifelt Blitz-Radikalisierung

Innenminister de Maiziere
Fordert mehr Überwachung: Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU). Foto: dpa
Innenminister de Maiziere
Fordert mehr Überwachung: Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU). Foto: dpa

Würzburg/Berlin/Innsbruck (dpa/KNA) Nach dem Axt-Angriff in einem Zug in Würzburg hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Einsatzkräften gedankt. Die beteiligten Polizisten, Ärzte und Ersthelfer hätten getan, „was sie konnten, um die Bevölkerung vor weiterer Gefahr zu beschützen und um den Schwerverletzten so rasch wie möglich zu helfen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin. Nun sei die weitere Arbeit der Ermittler zu unterstützen, damit die richtigen Schlüsse aus diesem „schockierenden Angriff“ gezogen werden könnten. Merkel wünschte den Verletzten körperliche und seelische Genesung. Seibert bekräftigte mit Blick darauf, dass der Täter als Flüchtling nach Deutschland gekommen war: „Die grauenhafte Tat eines Einzelnen kann nicht eine große Gruppe von Menschen diskreditieren.“ So hatte sich bereits auch der Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung, Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU), geäußert.

Unterdessen erklärte Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU), er schätze die Terrorgefahr unabhängig von dem Flüchtlingszuzug nach Deutschland hoch ein. Es gebe auch „Hinweise auf Bezüge zum internationalen Terrorismus“ unter den Flüchtlingen, sagte der CDU-Politiker am Mittwoch in Berlin. „In den allermeisten Fällen haben sich die Hinweise als falsch dargestellt.“ Es gebe aber Hinweise, die auch noch überprüft werden. „Deswegen kann man nicht sagen, es gibt zwischen Flüchtlingen und Terrorismus keinen Zusammenhang“, sagte de Maiziere. Der Innenminister forderte zudem schärfere Sicherheitsmaßnahmen. „Für die Zukunft brauchen wir mehr Videoüberwachung, (...) mehr Polizei und wir brauchen einen besseren Schutz der Beamten“, sagte de Maiziere. Er betonte, der Staat tue alles, um Anschläge zu verhindern. „Aber eine Garantie gibt es trotzdem leider nicht.“

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Mittwoch), dass der 17-jährige Angreifer, ein unbegleiteter afghanischer Flüchtling, möglicherweise im Bewusstsein gehandelt habe, einen „Keil in die Gesellschaft“ zu treiben. „Tun wir alles, dass ihm das nicht gelingt“, betonte Mazyek. „Wie kann ich den Opfern klar machen, dass es inzwischen so viele gut integrierte Flüchtlinge und so viele engagierte Flüchtlingshelfer gibt, die jeden Tag unser Land ein Stück vorantreiben“, fragte Mazyek. Er sagte, die Gedanken seien bei den Verletzten. „Ich hoffe und bete, dass sie bald vollständig seelisch wie physisch genesen.“

Unterdessen sorgt sich der „Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ um den Ruf der Jugendlichen. „Wir können nur davor warnen, jetzt die unbegleiteten Minderjährigen als Gruppe unter Terrorverdacht zu stellen“, sagte der Vorsitzende Tobias Klaus der „Welt“ (Mittwoch). „Die Antwort sollte vielmehr sein, unsere guten Betreuungsstandards wieder voll anzuwenden und nicht abzubauen, wie es etwa Bayern im Bund vorantreibt.“ Die beste Prävention sei „gute Betreuung mit gut ausgebildeten Sozialarbeitern und Psychologen in kleinen Gruppen, die gefährliche Entwicklungen bei den Jugendlichen wahrnehmen und abmildern können“. Klaus erklärte: „Je größer die Gruppe, desto weniger bekommt man mit, wenn etwas mit dem Zimmernachbarn oder dem Klienten nicht stimmt.“ Junge Menschen aus Afghanistan seien die größte Gruppe unter den etwa 70 000 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Deutschland. Im ersten Quartal dieses Jahres kamen den Angaben zufolge 43 Prozent (3 652 Menschen) aller unbegleiteten Flüchtlinge aus diesem Land. Weitere stark vertretene Herkunftsstaaten seien Syrien, Irak, Somalia, Gambia und Eritrea.

Nach Einschätzung des katholischen Theologen Jozef Niewiadomski können Islamisten nicht durch herkömmliche Sozialarbeit von Anschlägen abgehalten werden. Was diese Menschen bräuchten, „sind tief religiöse Menschen, die sie auf dem Weg zu einem anderen Gottesbild begleiten“, sagte der Innsbrucker Dogmatikprofessor am Mittwoch der Wiener Presseagentur Kathpress. „Einer Religion, die tötet, wird nur eine Religion, die den Gewaltverzicht und die Versöhnung mit Anderen, mit Fremden, ja mit Gegnern und Feinden lebt, standhalten“, so der Experte. Dagegen werde der Kontakt mit „aufgeklärten, säkularen“ Sozialarbeitern westlicher Prägung Islamisten eher in ihren Auffassungen bestärken. „Menschen, die ihr Leben lang im Glauben gelebt haben, dass Gott das Töten von Menschen will und es auch mit dem Himmel belohnt“, würden in solchen Fällen in ihren Vorurteilen bloß bestätigt, sagte Niewiadomski. Da sei es „nur eine Frage der Zeit und des Zufalls, ob ihr religiöser Glaube sie auch zu Taten verleitet“.

Der Fall des islamistisch motivierten Axt-Angriffs eines offenbar minderjährigen Flüchtlings in einem Regionalzug bei Würzburg zeige, dass sozialpsychologische Integrationsmaßnahmen nicht ausreichten. „Es ist höchste Zeit, auch an so etwas wie eine religiöse Erziehung und damit auch an die Veränderung des religiösen Weltbildes vor allem der minderjährigen Flüchtlinge zu denken“, sagte der Theologe. Angesichts der Eskalation des islamistischen Terrors werde seitens der Politiker „mantra-artig wiederholt“, dass man Jugendlichen Perspektiven und soziale Sicherheit ermöglichen solle. „Immer noch trauen sie sich nicht, den brisantesten Punkt anzurühren: das religiöse Weltbild der Flüchtlinge“, so Niewiadomski.

Ähnlich äußerte sich der Islam-ExperteAhmad Mansour. Im Interview mit dem Deutschlandfunk bezweifelte Mansour, dass sich der 17-Jährige erst vor kurzem radikalisiert habe. Ideologie entstehe „nicht innerhalb von zwei Tagen“, es handele sich um „Denkmuster und Werte, die dieser junge Mann und andere eigentlich schon in der Erziehung mitbekommen“. Sobald Krisen auftauchen, könne dies dann zu einer weiteren Radikalisierung führen. Der Islam-Experte forderte eine Debatte über den Umgang mit diesen Werten. Es brauche Menschen, die junge Flüchtlinge langfristig betreuten und für diese Gesellschaft begeisterten. „Wie wir mit Migration umgehen und Integration, ist eine Mammutaufgabe.“