„Menschenwürde ist nicht verhandelbar“

Der Heidelberger Altersforscher Professor Andreas Kruse über den Umgang mit Demenzkranken

Was ist in Kirche und Gesellschaft zu tun angesichts immer mehr Demenzkranker? Darüber sprach Marcus Mockler mit Professor Andreas Kruse, dem Leiter des Heidelberger Instituts für Gerontologie. (Altersforschung). Kruse gilt als ein führender Vertreter der deutschen Gerontologie.

Ist die Gesellschaft auf die rasch ansteigende Anzahl Demenzkranker vorbereitet?

Wir arbeiten daran. Das Thema rückt in den politischen Fokus. Die Bundesfamilienministerin hat kürzlich eine öffentliche Diskussion zum Thema Demenz begonnen, wir an der Universität Heidelberg beteiligen uns daran nach Kräften. Zum Beispiel haben wir neulich eine ganztägige internationale Konferenz zum Thema Demenz ausgerichtet. Auch sonst tut sich etwas. Die Neuauflage des Pflegeversicherungsgesetzes bindet Demenzerkrankte ausdrücklich in das Leistungsrecht der Pflegeversicherung ein. Der Deutsche Ärztetag 2008 in Ulm hatte Demenz zum Leitthema. Es wird also nicht nur diskutiert, sondern auch gehandelt.

Auch in den Kirchen?

Ja, auch dort. Wir als Christen müssen bei diesem Thema deutlich machen, dass Menschenwürde nicht verhandelbar ist; sie ist unantastbar und von Gott gegeben. Ein Mensch mit schwerster Demenz, bei dem zugleich die Lebensqualität deutlich reduziert ist, hat das gleiche Maß an Würde wie jeder andere auch. Die Kirche muss sich dafür einsetzen, dass dieser Mensch trotz schwerer Erkrankung so gut wie möglich leben kann. Leider wird heute vielerorts sehr unterschätzt, dass auch die Lebensqualität von Menschen mit fortgeschrittener Demenz weiterhin hoch sein kann.

Müssten Pflegeeinrichtungen von Diakonie und Caritas Vorreiter bei einer besonders menschenwürdigen Pflege sein?

Ja. Das christliche Verständnis von Menschenwürde kann etwa eine Pflegeeinrichtung der Diakonie tatsächlich von anderen Einrichtungen unterscheiden. Grundsätzlich müssen kranke Menschen die Sicherheit haben, dass ihre Würde auch bei schwerstem Krankheitsverlauf nicht in Frage gestellt ist.

Was bringt denn das Auswendiglernen von Bibel- und Gesangbuchversen im Blick auf Demenz? Man hört immer wieder, das sei für Kranke manchmal der einzige Schatz, den sie hätten.

Das stimmt, und dieses Gut darf man nicht unterschätzen. Demenzkranke leben oft noch intensiv in ihren sogenannten Daseinsthemen – das ist für den einen der Sport, den anderen die Musik, den anderen die Natur. Ein Beispiel aus der Praxis: Eine demenzkranke Opernsängerin war im Heim dann am glücklichsten, wenn sie Arien mitsingen konnte, die man ihr vorspielte. Für Menschen, denen der Glaube besonders wichtig war, können Bibeltexte und Lieder der entscheidende Weg zur Erhaltung von Lebensqualität sein.

Welche Konsequenzen haben Sie, der Sie Ihr Leben der Altersforschung widmen, ganz persönlich für Ihr Altern gezogen?

Die Grenzen des Alters schrecken mich nicht – die Freiheiten des Alters locken mich. Darüber hinaus mache ich mir immer stärker bewusst, dass wir in unser Leben mehr Gedanken über das Sterben einbeziehen müssen. Als Christen tun wir das, indem wir an das Leiden und Sterben von Jesus Christus erinnert. Leben heißt wachsen, Neues schaffen, sich verwirklichen; Tod heißt Abnahme der Kräfte, Abschied nehmen, Endlichkeit und Vergänglichkeit. Im Bewusstsein von beidem müssen wir leben – und der christliche Glaube hat dazu ganz Wichtiges beizutragen.