Potsdam

Meister der Taktik

Ein Nachruf auf den ehemaligen Ministerpräsidenten Brandenburgs, Manfred Stolpe.

Manfred Stolpe
Brandenburgs Ex-Regierungschef Manfred Stolpe. Foto: dpa

Als ich Manfred Stolpe 1988 kennenlernte, war ich gerade Studienleiter der Evangelischen Akademie in West-Berlin geworden. Bei meinem Antrittsbesuch in Ost-Berlin fragte ich den damaligen Konsistorialpräsidenten, wie ich DDR-Oppositionellen einen Auftritt in West-Berlin ermöglichen könnte. Mit verschmitztem Lächeln schlug er mir vor, eine Tagung zum Thema „Kirche im Sozialismus“ zu machen. „Dagegen kann niemand etwas haben und Sie können unauffällig auch ein paar Kritiker einladen.“ Stolpe erwies sich nicht nur in diesem Fall als Meister der Taktik.

Früh zeigte sich seine Fähigkeit zur Anpassung

Dass er in der DDR 1955 zum Studium der Rechtswissenschaften zugelassen wurde, zeigte früh seine Fähigkeit zur Anpassung. Nach seinem Diplom ging er in den Dienst der Evangelischen Kirche, wo er 1969 Sekretär und später stellvertretender Vorsitzender des DDR-Kirchenbundes wurde. Fast immer, wenn es knifflig wurde im komplizierten Verhältnis zwischen Staat und Kirche, schickten die Bischöfe Stolpe vor. Der Kirchenjurist genoss es, ein gefragter Gesprächspartner zu sein – nicht nur in der DDR, sondern auch im Westen. Schon seine sonore Bassstimme sorgte dafür, dass ihm viele vertrauten. Was freilich die wenigsten wussten, war, dass er auch mit dem Staatssicherheitsdienst vertrauensvoll verkehrte. In konspirativen Zusammenkünften berichtete er der Stasi-Kirchenabteilung regelmäßig über kircheninterne Vorgänge.

Unter dem Decknamen „Sekretär“ führte sie ihn zwanzig Jahre als hochkarätigen Informanten im Kirchenbund. Dabei war Stolpe ein Strippenzieher ohne eigene politische Agenda. Dass er nach dem Ende der SED-Diktatur bei der SPD landete, war deshalb eher Zufall. Er war ein Mann ohne Eigenschaften, der früh das schmeichelhaftere Etikett „Moderator“ oder „Brückenbauer“ verliehen bekam. Die SPD war dankbar, mit ihm einen politischen Profi gefunden zu haben, der obendrein bei der Bevölkerung ankam. Zwischen 1990 und 2002 wurde er dreimal zum Ministerpräsidenten von Brandenburg gewählt. Zu seinem Erfolg trug vor allem bei, dass er sich den entwurzelten Ostdeutschen als verständnisvolle Vaterfigur anbot. „Wir Brandenburger“ wurde zu einer seiner Lieblingsfloskeln. Seinen Brandenburgern ersparte Stolpe auch den schmerzhaften Prozess der Aufarbeitung – nicht zuletzt im eigenen Interesse. Unter ihm gab es weder einen Beauftragten für die Stasi-Unterlagen noch nennenswerte Stasi-Überprüfungen. Stattdessen arbeitete er im Landtag demonstrativ mit dem letzten SED-Chef von Potsdam zusammen. Alte Kader fühlten sich nirgends so wohl wie in der „Kleinen DDR“, wie Brandenburg damals genannt wurde.

Kein Konzept für den Wiederaufbau Brandenburgs

Erfolgreich war dieser Kurs nicht. Im Gegenteil: Bei vielen wirtschaftlichen Kennziffern trug Brandenburg lange Zeit die rote Laterne. Mehrere hoch subventionierte Investitionsprojekte gingen bankrott. Denn anders als Biedenkopf in Sachsen hatte Stolpe für den Wiederaufbau Brandenburgs kein Konzept. Auch als Bundesverkehrsminister hat er wenig Spuren hinterlassen. So bleibt mit ihm vor allem eins verbunden – die eisern durchgehaltene Leugnung seiner Stasi-Beziehungen. Für viele Spitzel wurde sie zum Vorbild, für den Umgang mit der DDR-Vergangenheit zur Zäsur. Trotz seiner langen Krebserkrankung hat er die Chance nicht genutzt, vor seinem Tod noch reinen Tisch zu machen.

Der Autor leitete bis 2018 die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

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