Mehr Kinder, mehr Wohlstand?

Das Institut der Deutschen Wirtschaft legt erstmals Studie zur wirtschaftlichen Bedeutung kinderreicher Familien vor. Von Jürgen Liminski

Geburtenrückgang
Stehen bislang noch nicht so im Fokus der Politik: Kinderreiche Familien. Dabei gibt es gute Gründe, das zu ändern, wie eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln jetzt erstmals zeigt. Foto: dpa
Geburtenrückgang
Stehen bislang noch nicht so im Fokus der Politik: Kinderreiche Familien. Dabei gibt es gute Gründe, das zu ändern, wie ... Foto: dpa

Köln (DT) In Deutschland leben heute nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 893 000 Familien mit drei oder mehr Kindern unter 18 Jahren. Das sind knapp elf Prozent aller Familien mit minderjährigen Kindern. Im Auftrag des seit sechs Jahren bestehenden Verbands kinderreichen Familien Deutschland e.V. (KRFD) hat das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln zum ersten Mal „die volkswirtschaftliche Bedeutung der Mehrkindfamilien in Deutschland“ – so der Titel der Studie – errechnet, um den ökonomischen Mehrwert von Mehrkindfamilien, konkret die potenzielle Steigerung des Wohlstands, zu beziffern. Das Ergebnis: „Bekommt eine Familie mit zwei Kindern, mittlerem Einkommen und mittlerem Lebenslauf der Mutter ein drittes Kind mit mittlerem Bildungsstand, ergibt sich ein positiver gesamtfiskalischer Wert in Höhe von 58 700 Euro. Erreicht es sogar einen hohen Bildungsabschluss liegt der Wert bei 448 500 Euro. Erreicht das Kind allerdings keinen berufsqualifizierenden Abschluss ergeben sich Mehrkosten für die öffentliche Hand“. Der logische Handlungsauftrag an die Politik sei, so der Studienleiter Professor Axel Plünneke, „allen Kindern aus Mehrkindfamilien eine gute Ausbildung zu ermöglichen“.

Die Studie hat auch die Lebensform der Mehrkindfamilien in Bezug auf die Erwerbstätigkeit der Eltern untersucht. Es überwiegt das Modell „Er Vollzeit, sie Teilzeit“ und zwar in Funktion der Zahl und des Alters der Kinder. So ist zum Beispiel bei Dreikindfamilien die Kombination ein Elternteil in Vollzeit (meist der Vater) und einer in Teilzeit mit einem Anteil von 42,7 Prozent am häufigsten. Ein gutes Drittel der Paare (34,4 Prozent) entscheidet sich für das Modell Vollzeit/Zuhause. Bei mehr Kindern entscheidet sich die Mutter allerdings häufiger, sich einige Jahre ganz der Familienarbeit und Erziehung der Kinder zu widmen. So beträgt bei Vierkindfamilien die Kombination eines Elternteils in Vollzeit und eines Nichterwerbstätigen bereits 44,9 Prozent. Entsprechend sinkt die Teilzeit-Erwerbstätigkeit eines Elternteils, meist der Mutter, auf 26,2 Prozent. Hier sollte, so die Studie, „der arbeitsmarktpolitische Rahmen so ausgestaltet werden, dass den betreffenden Frauen, wenn die Kinder groß sind, der Wiedereinstieg in den Beruf möglichst gut gelingt“. Mit anderen Worten: Es mangelt an Optionen für den Wiedereinstieg, obwohl gerade Mütter, die erzogen haben, meist über überdurchschnittliche Managerfähigkeiten verfügen. Die Bundesvorsitzende des KRFD, Elisabeth Müller, sagt dazu: „Die allermeisten Mütter in Mehrkindfamilien entscheiden sich ganz bewusst für diese Lebensformen, weil sie genügend Zeit für ihre Kinder haben wollen. Allerdings brauchen sie an ihren Bedarfen ausgerichtete Bildungsangebote und später konkrete Optionen für den Wiedereinstieg, damit sie nach langjährigen Berufspausen am Arbeitsmarkt leichter wieder Fuß fassen können“.

Ein besonders großes Problem ergibt sich, so das Gutachten, für Mehrkindfamilien beim Thema Wohnung. Insbesondere in den großen Städten stünden nur sehr wenig Wohnraum mit entsprechender Größe zur Verfügung. So leben 33,9 Prozent der Paarfamilien mit drei Kindern und sogar 41,3 Prozent der Paarfamilien mit vier und mehr Kindern in Wohnungen, die ihrer Einschätzung nach zu klein sind. Bei den Ein- und Zweikindfamilien sagen dies nur 26,4 bzw. 23,8 Prozent. Die Studie schlägt vor, die Grunderwerbssteuer zu senken, was einige Parteien (CDU, FDP) auch gemäß ihren Wahlprogrammen beabsichtigen.

Die Studie führt noch eine ganze Reihe anderer Ergebnissen auf über die Geburtenentwicklung in Deutschland mit Blick auf das generative Verhalten der Kinder aus Mehrkindfamilien und die individuellen Entscheidungsfaktoren. Auch der Gesundheitszustand und das persönliche Wohlempfinden werden untersucht. Es ist offenkundig, dass der demografische Niedergang in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten zu „massiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen“ führen werde, schreiben die Autoren in der Einleitung. Insofern ist es zu begrüßen, dass der Verband gerade das unternehmernahe Institut in Köln für diese Studie gewonnen hat. Der Verband vertritt 1,2 Millionen kinderreicher Familien in Deutschland und setzt sich in Politik, Wirtschaft und Medien für ihre Interessen ein. Er ist konfessionell ungebunden und überparteilich.