Marx: „Keine Lizenz zum Töten“

Katholiken melden sich in Debatte über assistierten Suizid zu Wort – KKV-Chef Wehner warnt vor „Dammbruch“. Von Stefan Rehder

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz reagiert auf die veränderte Lage bei der Debatte um ein Verbot der Suizidhilfe. Foto: dpa
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz reagiert auf die veränderte Lage bei der Debatte um ein Verbot der Suizi... Foto: dpa

München/Essen/Berlin (DT) Deutschlands Katholiken haben sich in die von vier Hochschullehrern entfachten Debatte um den ärztlich assistierten Suizid eingeschaltet. „Eine gesetzliche Erlaubnis des ärztlich assistierten Suizids“ sei „keine Alternative“ zu einem überfälligen „ausdrücklichen Verbot aller Formen der organisierten Beihilfe zur Selbsttötung“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Erzbischof von München, Reinhard Kardinal Marx, in einem am Freitag erschienenen Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung.“ Auch „engumgrenzte Regelungen“ liefen darauf hinaus, „ein angeblich ,menschenwürdiges Töten‘ zu organisieren.“ Es dürfe aber „keine Lizenz zum Töten“ geben. Stattdessen müsse es um ein „menschenwürdiges Sterben“ gehen. „Wenn diese Differenz verwischt wird, dann ist eine abschüssige Bahn betreten, auf der es kein Halten mehr gibt.“ Es müsse „alles vermieden werden, was Ärzte, Angehörige oder todkranke Personen dazu verleiten könnte, zu denken, dass es sich bei der ärztlich unterstützten Selbsttötung um eine aus einem falsch verstandenen Autonomiebegriff zu rechtfertigende Handlung handeln könnte“, so Marx weiter.

Rückbesinnung auf „Eid des Hippokrates“ gefordert

Anfang vergangener Woche hatten in München vier Wissenschaftler gemeinsam einen Gesetzentwurf vorgestellt, der der ursprünglichen über ein Verbot der organisierten Suizidhilfe geführten Debatte eine neue Wendung gab (DT v. 28. August). Der Gesetzesvorschlag, der darauf hinausläuft, die in Deutschland bislang erlaubte Beihilfe zum Suizid den Vereinen zu entwinden und sie in die Hände von Ärzten zu legen, war bei Bundesärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery, der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Behindertenverbänden und Lebensrechtsorganisation auf Widerspruch gestoßen. In Gestalt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz hat nun erstmals auch der deutsche Episkopat auf die veränderte Debattenlage reagiert.

Bewegung gibt es außer bei den Bischöfen auch bei den katholischen Verbänden. „Wie vier Hochschullehrer, darunter ein Palliativmediziner und Medizinethiker, auf die Idee kommen, dass ausgerechnet Ärzte straffrei Beihilfe zum Selbstmord betreiben können, bleibt wohl das Geheimnis der Betroffenen“, kritisierte gestern der Bundesvorsitzende des Verbands der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV), Bernd-M. Wehner, den Gesetzentwurf. „Auch wenn die Bedingungen hierfür scheinbar klar geregelt und eng begrenzt seien“, würde mit ihm „ein Dammbruch mit ungeahnten Auswirkungen eingeleitet“. Man könne sich leicht ausmalen, welche Eigendynamik ein solches Gesetz hätte. „Zum einen seien die Einschränkungen so unbestimmt, dass sie bei Bedarf auch großzügig ausgelegt werden könnten“, zum anderen sei es nur eine Frage der Zeit, bis „die Suizidbeihilfe zum Regelangebot eines Arztes gehöre“. Auch würde der Druck auf Schwerstkranke zunehmen, zu begründen, warum sie nicht mit Hilfe des Arztes ihrem Leben besser ein Ende setzen sollten, um somit der Allgemeinheit nicht mehr „zur Last zu fallen“, so Wehner.

Der KKV begrüße daher ausdrücklich die Stellungnahme des Präsidenten der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, der es ablehne, den ärztlich assistierten Suizid in die Musterberufsordnung aufzunehmen. Montgomerys Aussage: „Wir sind nicht Techniker des Todes, sondern Helfer zum Leben“ sei vorbehaltlos zuzustimmen. „Allein, dass eine solche Diskussion in einem hochzivilisierten Land wie Deutschland – nach den schrecklichen Erfahrungen unter dem Nazi-Regime – ernsthaft geführt wird, zeigt in erschreckendem Maße, auf welchem abschüssigen Weg wir uns mittlerweile befinden“, sagte Wehner. Der KKV-Bundesvorsitzende schlug vor, den „Eid des Hippokrates“ gut sichtbar an jeder Arztpraxis anzubringen. Damit würden alle Beteiligten augenfällig daran erinnert, was die Aufgabe des Arztes sei.

Bei dem Eid handelt es sich um ein Gebet, das der griechische Arzt Hippokrates von Kós (460–377 v. Chr.) seine Schüler sprechen ließ. Mit ihm pflegten junge Ärzte die griechischen Heilgötter Apollon, Asklepios, Hygieia und Panakeia anzurufen und schworen, diese zu Zeugen nehmend, die erlernte Kunst ausschließlich zum Nutzen und niemals zum Schaden ihrer Patienten einzusetzen. Die entscheidende Passage lautet: „Nie werde ich jemanden, auch auf Verlangen nicht, ein tödlich wirkendes Gift geben und auch keinen Rat dazu erteilen; gleichermaßen werde ich keiner Frau ein fruchtabtreibendes Mittel geben: heilig und fromm werde ich mein Leben bewahren und meine Kunst.“

Wie Wehner weiter betonte, widerspreche der assistierte Suizid, „nicht nur dem christlichen Menschenbild“, sondern sei auch „ein weiterer Schritt auf dem Weg, menschliches Leben der Beliebigkeit anheimzustellen“. Zudem zeigten derartige Überlegungen, wohin eine Gesellschaft gerate, „wenn sie sich anmaße, Herr über Leben und Tod zu sein“ und „Gott aus dem Spiel lasse“. „In Würde sterben“ könne „nie bedeuten, dass man sich selbst umbringt“.