Potsdam

Manfred Stolpe : Vom IM-„Sekretär“ zum Ministerpräsidenten

Als SPD-Ministerpräsident war Manfred Stolpe in Brandenburg beliebt. Kaum eine Persönlichkeit in Gesellschaft und Kirche der DDR war jedoch so umstritten wie er.

Brandenburgs Ex-Regierungschef Stolpe verstorben
Wurde seine Stasi-Verbindung von einer Mehrheit nicht übelgenommen: Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe. Im Bild: Eine Frau trägt sich in das Kondolenzbuch ein. Foto: Julian Stähle (ZB)

Kaum eine Persönlichkeit in Gesellschaft und Kirche der DDR war und ist so umstritten wie der jüngst verstorbene Manfred Stolpe. Seine kirchenpolitische Rolle wird von den einen scharf kritisiert, während andere Verständnis aufbringen.  

Immer aber wird mit der Funktionsweise der SED-Diktatur argumentiert. Der elementare Rechtsmangel erzwang fortgesetzte Verhandlungen mit den staatlichen und parteilichen Institutionen. Die Kirchenleute versuchten die kirchlichen Dienste aufrechtzuerhalten und Menschen vor Repression zu schützen. Die SED wollte die Kirche aus der Öffentlichkeit drängen und Widerspruch eindämmen. Trotz der asymmetrischen Machtverhältnisse konnten kirchliche Verhandlungsträger kleinere Erfolge verbuchen.  

Als Jurist hatte er höchste kirchliche Ämter inne

Die SED verfügte aber mit der Stasi über ein weiteres Machtsicherungsorgan. Das beschaffte Informationen, zersetzte die Kritiker und nahm Einfluss auf Personen und Organisationen. Für diese Aufgaben waren die konspirativ arbeitenden IM unerlässlich. Stolpe war für das MfS etwa 20 Jahre der IM-„Sekretär“. In dieser Zeit hatte er als Jurist höchste kirchliche Ämter inne. Kaum jemand anderes hatte einen solch umfassenden Einblick in die kirchlichen Angelegenheiten.

Stolpe hat später erklärt, dass für ihn diese Kontakte lediglich eine zusätzliche Verhandlungsebene darstellten und die Registrierung als IM ohne sein Wissen lediglich eine bürokratische Schublade gewesen sei. Die Akten dokumentieren, dass der IM-„Sekretär“ ausführlich über Personen, über innerkirchliche Vorgänge und Hintergründe geredet hat. Und es gibt auch Menschen, die im Nachhinein erklären, Stolpe hätte ihnen geholfen. Andere bestreiten das vehement.  

Untersuchungsausschuss sprach Stolpe frei

Aber die Stasi hat nichts umsonst geschenkt. Dieser Sekretär war ihnen so wichtig, dass sie ihm nicht nur Orden, Bücher und Geld gab, sondern auch dies und jenes Anliegen positiv beschied. Der Untersuchungsausschuss des Landtages sprach Stolpe mit einer Mehrheit aus SPD, FDP und PDS-Linke frei. Die Opposition aus CDU und Bürgerbündnis stimmte dagegen. Ein kirchlicher Untersuchungsausschuss stellte aber auch fest, dass Stolpes Kontakte zur Stasi nicht rechtmäßig gewesen seien. Auf disziplinarische Maßnahmen wurde allerdings verzichtet, da Stolpe nicht mehr im kirchlichen Dienst sei. Die Berlin-Brandenburgische Kirchenleitung urteilte milder.

Als SPD-Ministerpräsident war Stolpe in Brandenburg beliebt. Jedenfalls wurde ihm seine Stasi-Verbindung von einer Mehrheit nicht übelgenommen. Wie auch? In Brandenburg gab es zu DDR-Zeiten nur eine kleine Minderheit an Systemkritikern. Und Stolpe zog die Ost-Karte und erklärte, dass die Stasidebatte „ eine geteilte Erinnerungskultur der ehemaligen DDR-Bürger produziert und West-Vorurteile gegenüber den ‚Ossis’“ gestärkt hätte. Obwohl mehrere politisch-ökonomische Großprojekte Stolpes in Brandenburg scheiterten, blieb er einer von ihnen. Manche wählen heute auch die AfD.

Der Autor ist evangelischer Theologe und aktiv in der Opposition gegen das SED-Regime . Von 1992 bis 1994 gehörte er auf Vorschlag von Bündnis90/Die Grünen dem  Stolpe-Untersuchungsausschusses des Brandenburger Landtages an

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