Machtkampf bei Pakistans Taliban

Islamabad akzeptiert neuerdings amerikanische Militärschläge auf seinem Staatsgebiet

Vieles spricht dafür, dass in den vergangenen Tagen innerhalb der Taliban-Gruppen in Pakistan ein blutiger Machtkampf ausgebrochen ist. Es handelt sich bei diesen „Tehrik-e-Taliban“ (TET) um eine lockere Allianz von Gemeinschaften, die vorwiegend im Grenzgebiet zu Afghanistan agieren. Dieses Bündnis war 2007 von dem 1972 geborenen Baitullah Mehsud im Zusammenhang mit der Besetzung der Roten Moschee von Islamabad gegründet worden. Es wird auch mit dem Anschlag auf das Mariott Hotel in der pakistanischen Hauptstadt 2008 und mit der Ermordung der Präsidentschaftskandidatin Benazir Bhutto Ende 2007 in Verbindung gebracht. TET kooperiert eng mit den Taliban in Afghanistan unter dem einäugigen Mullah Omar und mit dem afghanischen Zweig des Terrornetzwerks El Kaida. Die „New York Times“ bezeichnet alle diese Gruppierungen als „tief miteinander verstrickt“.

In der vergangenen Woche tauchten die ersten Meldungen auf, Baitullah Mehsud sei durch eine amerikanische Rakete in der pakistanischen Provinz Süd-Waziristan getötet worden. Die Lenkwaffe sei von einer in Afghanistan gestarteten unbemannten Drohne des amerikanischen Geheimdienstes CIA abgefeuert worden. Zu den Opfern sollen nicht nur Mehsuds Leibwächter, sondern auch Angehörige der Familie des Vaters seiner zweiten Frau zählen, in dessen Haus das Geschoss einschlug.

Die Vereinigten Staaten gehen davon aus, dass Mehsud tot ist. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, erklärte der Sicherheitsberater von Präsident Obama, James Jones. Offensichtlich sei in den oberen Rängen der Taliban ein Machtkampf um Mehsuds Nachfolge entbrannt. Auch ein pakistanischer Militärsprecher sagte, mehrere Quellen hätten bestätigt, dass der TET-Anführer umgekommen sei. Indessen haben am Wochenende mehrere Kommandanten der pakistanischen Taliban gegenüber dem britischen Sender BBC Berichte über den Tod ihres Anführers dementiert. Beweise wollten sie nachliefern. Beobachter vermuten, dieses Dementi könne mit der Suche nach einem Nachfolger für den Getöteten zusammenhängen. Jedenfalls fand am Wochenende in Süd-Waziristan eine größere Versammlung paschtunischer Stämme statt, bei der es nach pakistanischen Geheimdienstangaben um diese Frage ging. Der pakistanische Innenminister Rehman Malik sagte, dass es während des Treffens zu einer tödlichen Auseinandersetzung gekommen sei: Anhänger der Kommandanten Hakimullah Mehsud – ein Verwandter des getöteten TET-Chefs – und Waliur Rehman hätten sich eine Schießerei geliefert. Dabei soll einer der beiden Unterführer getötet worden sein.

Pakistan scheint inzwischen amerikanische Raketenangriffe auf sein Staatsgebiet hinzunehmen. Fest steht, dass Baitullah Mehsud seit geraumer Zeit von amerikanischer Seite als wichtige Figur innerhalb der Taliban angesehen wurde, denn er war bereits einmal Ziel eines Lenkwaffenbeschusses gewesen, dem er aber entging. Die Duldung amerikanischer Angriffe mit Drohnen spricht dafür, dass Pakistan den Kampf gegen die Taliban ernster nimmt als früher. Dies hatte sich bereits gezeigt, als größere pakistanische Armee-Einheiten vor wenigen Wochen mehrere Tausend dieser „Gotteskrieger“ aus dem Swat-Tal im Nordwesten vertrieben. Die Taliban zerstreuten sich daraufhin in kleineren Gruppierungen – zum Teil auch nach Afghanistan.

Bekanntlich hatten Teile des pakistanischen Machtapparats zu Zeiten der sowjetischen Besetzung Afghanistans die von Saudi-Arabien und Amerika bewaffneten, finanzierten und ausgebildeten Taliban in ihrem Kampf gegen die „gottlosen Russen“ unterstützt. Nur so konnten sich die rasch rekrutierten „Koranschüler“ im Nordwesten Pakistans festsetzen. Immer wieder gab es Gerüchte, auch heute noch bestünden Verbindungen zwischen offiziellen pakistanischen Stellen und den Taliban. Diese hätten sogar Teile der staatlichen Machtstrukturen unterwandert. Jetzt hat die Regierung in Islamabad offenbar erkannt, dass die Stammeskrieger eine echte Bedrohung für den eigenen Staat sind. Jedenfalls arbeiten Präsident Asif Ali Zardari – der Witwer von Benazir Bhutto – und seine Leute jetzt mit den Amerikanern zusammen.

Bekannt wurde Mehsuds Aufenthalt im Haus eines seiner Schwiegerväter, der ihm zum Verhängnis wurde, vermutlich durch einen Hinweis aus der Bevölkerung, bei der die Taliban neuerdings an Ansehen verloren haben. Der Tod Mehsuds mag ein Erfolg für die pakistanische Regierung und ihre amerikanischen Verbündeten sein. Es wird allerdings schon gemutmaßt, dieser Rückschlag werde die Taliban nur kurz irritieren. Immerhin ist die Bewegung im Augenblick mit Nachfolgekämpfen beschäftigt. Sie hat eine wichtige Identifikationsfigur verloren.

Mehsud hatte den Terror seiner Leute zunehmend gegen den pakistanischen Staat gerichtet und dadurch den wahren Machtanspruch seiner Bewegung deutlich gemacht. Zu dieser Entwicklung kam es spätestens seit dem Mord an Benazir Bhutto. Die Taliban sind keine militärischen Gegner im klassischen Sinn. Sie sind zwar organisiert, aber ihre Hierarchien sind nur bedingt wichtig. So asymmetrisch wie ihr Kampf ist auch ihre innere Organisation. Deshalb hat die Tötung des obersten Taliban-Anführers für Pakistan nur symbolischen Wert. Der Krieg gegen seine Leute ist damit noch nicht zu Ende. Thomas Ruttig, ein Experte für die Region bei der Berliner „Stiftung für Wissenschaft und Politik“, weist darauf hin, dass Mehsuds Tod diesem einen wertvollen Märtyrerstatus verleiht: „Das hilft bei Neurekrutierungen!“

Wie viele Dorfälteste stehen inzwischen auf der Seite des Staates? Wie viele der heute 16-Jährigen, die die größte Bevölkerungsgruppe des Landes ausmachen, sind bereit, wie ihre Väter als Hirten in den Bergen zu leben, wie viele werden vergebens Arbeit in den Großstädten suchen und wie viele lassen sich weiterhin von den gut zahlenden Taliban locken? In jedem Fall wird ein Nachfolger Mehsuds an der Spitze der TET den Kampf fortsetzen.