Gießen

Lieblingsfeind der Linken

In Gießen sollten Lebensrechtler als Rechtsextreme diffamiert werden. Die Veranstalter blieben Belege schuldig.

Abtreibungsgegner demonstrieren in Berlin
Die Erfahrung, dass "Pro Choice"-Aktivisten bei ihren Kampagnen nicht zimperlich sind, konnte die Lebensrechtsbewegung schon oft machen. Foto: dpa

Selbstverständlich hat rechtsextremes Gedankengut, das sich durch seine nationalistische und rassistische Ideologie auszeichnet, in einer Lebensrechtsbewegung nichts verloren. Umso mehr ließ eine Veranstaltung aufhorchen, zu der in der vergangenen Woche der Dekanatsfrauenausschuss des Evangelischen Dekanats Gießen eingeladen hatte: „Rechtsextreme und ,Lebensschützer‘: Hintergründe und Vernetzungen der Pro-Life Bewegung“, lautete der Titel. Wer jedoch an der Veranstaltung teilgenommen und sich erhofft hat, über diese vermuteten rechtsextremistischen Hintergründe irgendetwas zu erfahren, ist enttäuscht worden. Diese Erfahrung haben auch einige Lebensrechtler selbst gemacht. Vertreter der CDL, von KALEB, der ALfA sowie der „Ärzte für das Leben“ und von „40DaysforLife“ waren nach Gießen gereist – vielleicht hatte ja tatsächlich ein sauber arbeitender Journalist eine rechtsextreme Verschwörung in der deutschen Lebensrechtsbewegung aufgedeckt? In dem Fall hätte man ihm dankbar sein müssen.

Behauptungen statt Belege

Doch Fehlanzeige: Sachliche Informationen bekommen die Besucher nicht zu hören. Vielmehr beklagt bereits in der Einleitung des Abends die evangelische Pastorin Angelika Maschke die gute Vernetzung der Lebensrechtsbewegung. Diese halte Verbindungen zu angeblich rechtsextremen oder rechtspopulistischen Gruppen, der Agenda Europe und den Evangelikalen. Belege bleibt sie schuldig. Auch führt Maschke weder aus, welche rechtsextremen oder rechtspopulistischen Gruppen sie eigentlich meint, noch warum engagierte evangelikale Christen als ähnlich bedrohlich wie Rechtsextreme angesehen werden sollen.

Es folgt ein Vortrag von Gisela Notz, der ehemaligen Bundesvorsitzenden von Pro Familia. Proteste der Evangelikalen und „radikalen Katholen“ hätten zugenommen, das sei besorgniserregend. „Für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie“ laute dieses Jahr das Motto für den „Marsch für das Leben“. Das müsse man sich mal vorstellen – Abtreibung und Euthanasie in einem Satz, regt sich Notz auf. Dabei ignoriert sie, dass gerade dieses Motto die Unvereinbarkeit der Lebensrechtsbewegung mit dem Nationalsozialismus und damit auch mit dem Rechtsextremismus zeigt. Schließlich waren es Nazis, die sowohl Zwangsabtreibungen als auch Euthanasie forcierten.

Ereignisse aus dem Ausland sollen Drohkulisse zeichnen

Auf die zu Beginn an die Veranstalter gestellte rhetorische Frage, wer die Lebensrechtler – von allen Vortragenden durchgängig als „selbsternannte Lebensschützer“ bezeichnet – seien, gibt es keine Antwort. Kein Podiumsteilnehmer kann auch nur einen Vertreter der großen Lebensrechtsverbände namentlich benennen, noch irgendetwas zu ihrer je eigenen Arbeitsweise und Schwerpunktsetzung sagen. Stattdessen werden immer wieder Namen und Ereignisse aus dem Ausland, insbesondere den USA bemüht, um eine Drohkulisse zu zeichnen. Abtreibungsgegner, so etwa Notz, seien hierzulande seit 1972 besonders aktiv, aber dagegen erhebe sich glücklicherweise sowohl proletarischer als auch bürgerlicher Widerstand.

Der Versuch, gendergerechte Sprache auch mündlich durch künstliche Sprechpausen („Abtreibungsbefürworter innen“) deutlich werden zu lassen, ist nicht länger als ein paar Minuten durchzuhalten und wird bei „den Lebensschützern“ gar nicht erst unternommen. Die sind offensichtlich durchweg männlich. Schon die Wortwahl und Sprache in Notz' Vortrag ist bezeichnend und zeigt, dass es bei dem Aufruf zum Kampf gegen die Lebensrechtsbewegung um ganz andere Themen geht als das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Vom Einfluss der Lebensrechtsbewegung auf die Amtskirche ist die Rede, vom Widerstand aus dem Proletariat, vom unseligen Abtreibungsrecht der BRD.

Propaganda gegen die Familie

Und von der Familie: „Diese Keimzelle der Nation, dieses Vater-Mutter-Kind, das heute eigentlich nur noch statistisch gesehen von 20 Prozent und nicht der Mehrheit gelebt wird, dass das immer noch die gewünschte Ordnung ist, an der alles gemessen wird, das kann ich nicht anders bezeichnen als Familismus.“ Was Notz davon hält, hat sie in „Kritik des Familismus: Theorie und soziale Realität eines ideologischen Gemäldes“ (Stuttgart 2015) beschrieben. Familismus ist demnach „die Überbewertung des familiären Bereichs als Quelle für soziale Kontakte“. Familien als grundlegendes Element sozialer Ordnung seien überholt und äußerst kritikwürdig, die staatliche Unterstützung dieser Sozialform nicht weiter zu rechtfertigen. Die Familie, so Notz bereits in einem Vortrag beim Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung 2016, sei die Keimzelle der kapitalistischen Gesellschaft und der Familismus der Komplize des Patriarchats.

Wer nun erwartete, dass der letzte Redner auf dem Podium, der Journalist Danijel Majic, endlich mehr als ideologische Floskeln, Unwahrheiten und Unterstellungen zu bieten hätte, wird schnell enttäuscht. Sein Vortrag hat so gut wie gar nichts mit der deutschen Lebensrechtsbewegung zu tun, sondern beschränkt sich im Wesentlichen auf eine kleine kroatische Gebetsgruppe aus Frankfurt am Main und deren Leiter, einen ehemaligen CDU-Stadtverordneten, den Majic irgendwie versucht der rechten Szene zuzuordnen. Auch hier ergeben Recherchen schnell, dass die vermeintlichen Belege dafür nicht überzeugen. Interessant wird es mit Beginn der Diskussion: „Da gibt es hunderttausende Lebensschützer, mit denen ich mich auseinandersetzen muss – und die sagen, dass es sich bei dem ungeborenen Kind um einen Menschen handeln würde. Was soll ich denen denn antworten?“, so eine Frage aus dem Publikum. Notz („Ich weiß jetzt nicht genau, was Sie eigentlich von mir wissen wollen“) kann darauf nicht antworten. Kristina Hänel, Gießener Abtreibungsärztin und ebenfalls anwesend, wird danach um eine Stellungnahme gebeten, schweigt aber ebenfalls. Über das Kind darf eben nicht gesprochen werden.

Abstruse, in keiner Weise belegte Vorwürfe

Fazit: Abstruse, in keiner Weise belegte Vorwürfe, Verschwörungstheorien und Drohkulissen bildeten den Inhalt einer Veranstaltung, in der die evangelischen Frauen des Dekanats Gießen eine unselige Allianz mit familienfeindlichen bis nahezu marxistische Positionen eingegangen sind. Diejenigen, die eine Meinungsänderung der Kirchen in der Abtreibungsfrage erfreuen würde, halten Gott, Bibel und die Kirche für die Ursache allen weiblichen Leidens. Sie werden die Kirchen kaum voller machen. Im Gegenteil: durch eine geänderte Haltung zur Abtreibungsfrage würden sie mit Sicherheit leerer.

Die Autorin ist Vorsitzende der Aktion Lebensrecht für alle (ALfA).