Leitartikel: Zurück zum Leitmotiv

Von Regina Einig

Regina Einig. Foto: DT
Regina Einig. Foto: DT

Wenn in vielen deutschsprachigen Diözesen am Palmsonntag der 30. Geburtstag des Weltjugendtags gefeiert wird, werden nur wenige katholische Eltern ihren Kindern die Geschichte von Anfang an erzählen können, denn nördlich der Alpen sprang der Funke erst Jahre später über. Als sich die Jugend der Diözese Rom am 23. März 1986 mit dem Papst traf, galt die innere Verbundenheit mit Johannes Paul II. hierzulande als Sondergut wertkonservativer Katholiken und geistlicher Bewegungen. Im kirchlichen Establishment traute man dem Modell „Papst trifft Jugend“ jedenfalls keine Zukunft zu. Diözesane Angebote oder Fahrten von Pfarreien wären undenkbar gewesen; dafür lagen der Anspruch des Weltjugendtags und die kirchliche Jugendleitkultur zu weit auseinander.

Dass es anders kam, lag an der zeitlosen Aktualität des Evangeliums. Schon das erste Weltjugendtagsmotto legt offen, in welchem Geist der heilige Johannes Paul 1986 Weltjugendtage prägen wollte. Das Wort aus dem ersten Petrusbrief „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist“ mag unbequem klingen, doch es zeigt noch heute, wieviel der Papst den Jugendlichen trotz eines durch den Eisernen Vorhang geteilten Kontinents zutraute.

Der Ansatz Johannes Pauls II., Jugendlichen im No-future-Klima der achtziger Jahre den unverkürzten Anspruch des Evangeliums nicht zu ersparen, hat sich als klarsichtig erwiesen. Wo er durchgehalten wird, funktioniert der diözesane Weltjugendtag auch heute als Brücke zum internationalen Weltjugendtreffen. Dass dieser geistliche Weg Jugendlichen in deutschen Bistümern teilweise nicht mehr erschlossen wird, liegt an der Eigendynamik in den Bistümern. Beichte und Anbetung fallen bei diözesanen Weltjugendtagsfeiern immer häufiger aus. Mancherorts tragen die Organisatoren den landläufigen Konzepten der Jugendarbeit so stark Rechnung, dass das Leitmotiv des Weltjugendtags – die Neuevangelisierung – nicht mehr erkennbar wird. Der ursprüngliche Charme verfliegt, wenn simple Werbeslogans an die Stelle des biblischen Leitworts treten und die Maxime „feiern, tanzen, chillen“ das Fest irgendwo zwischen Klassenfahrt und Firmlingsausflug verortet. Fragwürdig wirkt auch auch der Versuch, den Weg nach Krakau bildungspolitisch umzupolen und mit Diskussionen über das deutsch-polnische Verhältnis zu füllen, während das Erbe des heiligen Johannes Paul II. an letzter Stelle auf der Liste der bedenkenswerten Themen erscheint.

Ein vernünftiges diözesanes Programm kommt am Proprium der Weltjugendtage – Eucharistie, Beichtgelegenheit, Katechese und Anbetung – nicht vorbei. Dazu gehört auch der Wille, die Botschaft des Pontifex ohne Abstriche zu akzeptieren. Papst Franziskus empfiehlt für die ersten sieben Monate dieses Jahres jedenfalls nicht nur leibliche, sondern auch geistliche Werke der Barmherzigkeit und das Gebet. Allerdings verlieren die wenigsten diözesanen Programmgestalter darüber ein Wort. Eine Alternative wäre, die Weltjugendtage in den Bistümern künftig an die Aktion „24 Stunden für Gott“ anzudocken. Das Wesentliche in den Mittelpunkt zu rücken könnte die Einseitigkeit der Erlebnispastoral wohltuend auflockern.