Leitartikel: Ziel des Hasses sind die Christen

Von Oliver Maksan

Oliver Maksan. Foto: DT
Oliver Maksan. Foto: DT

Die ägyptische Muslimbruderschaft kann sich freuen: Ihr Kalkül der politischen Totalverweigerung ist aufgegangen. Ihr wurde von der Armee vor den Augen der Weltöffentlichkeit der Märtyrerstatus übertragen, der ihr gegenwärtig am Erfolg versprechendsten erscheint. Und tatsächlich: Im Inneren schließen sich die islamistischen Reihen. Weltweit aber überbieten sich Politiker und Kommentatoren in der Verurteilung der ägyptischen Generäle. Aus anti-liberalen islamistischen Fundamentalisten wurden durch die gewaltsame Auflösung der Kairoer Protestlager jetzt quasi über Nacht Freiheitskämpfer. Der Prestigegewinn für die Islamisten ist enorm. Das Vorgehen der Sicherheitskräfte war dabei ohne Frage brutal. Manche sagen unnötig brutal und politisch unklug. Jeder Tote und Verletzte ist unabhängig davon umstandslos zu bedauern.

Dennoch: Ohne Ansage kam das Vorgehen der Generäle indes nicht. Die Bruderschaft hat sich über Wochen jedem politischen Kompromiss verweigert. Sie ist zudem alles andere als eine verfolgte Unschuld. Wes Geistes Kind die Brüder sind, haben sie jetzt durch die infamen Attacken auf christliche Kirchen in ganz Ägypten gezeigt. Gotteshäuser gingen in Flammen auf. Die Christen, die ohne Zweifel geschlossen froh über die Absetzung Mursis sind, bezahlen jetzt den Preis dafür. Denn sie sind das schwächste Glied in der Kette. Der Hass der Islamisten wird sie noch lange verfolgen.

Für Ägypten heißt all dies nichts Gutes. Die säkulare Front, die sich seit dem 30. Juni formiert hatte, droht angesichts des harten Vorgehens der Generäle zu zerbrechen. Die Gesellschaft ist zutiefst gespalten und vollständig vergiftet. Auf absehbare Zeit wird sich daran nichts ändern. Auf Anteilnahme und Mitleid können die verwundeten Muslimbrüder über ihr Lager hinaus in Ägypten kaum rechnen, weder bei Muslimen noch – und das mag für Christen im Westen besonders verstörend sein – bei den Kopten. Wir oder sie: Das ist die alte Logik, die bereits unter Mubarak galt. Und tatsächlich sind die Politikentwürfe der Muslimbrüder und des nicht-islamistischen Lagers prinzipiell unvereinbar. Eine dauerhafte Machtübernahme der Armee – ob direkt oder indirekt – wird so immer wahrscheinlicher. In der zunehmend gnadenloser geführten Auseinandersetzung zwischen politischem Islam und nationalem Autoritarismus droht das zarte Pflänzlein einer freiheitlichen Demokratie, das in Ägypten hier und dort schwächlich wuchs, endgültig zertreten zu werden.

Die Signale, die die gewaltsame Beseitigung des politischen Islam in Ägypten an die Region sendet, sind ebenfalls immens. Die Frontstellung zwischen Säkularen und Autokraten einerseits und Islamisten andererseits, die derzeit in der arabischen Welt herrscht, wird sich weiter verfestigen. Ägypten rückt jetzt neben dem syrischen Schlachtfeld zunehmend ins Visier des globalen Dschihadismus. Al-Kaida-Chef Aiman al-Zawahiri, ein gebürtiger Ägypter, hat dies in einer Botschaft kürzlich deutlich gemacht.

Der Sinai mit seinen militanten Islamisten könnte ein Vorgeschmack sein auf das, was das Land als Ganzes erwartet. Ein Bürgerkrieg ist wegen der ungleichen Kräfteverteilung in Ägypten sehr unwahrscheinlich. Ein ernsthaftes Terrorismus-Problem dagegen nicht.