Leitartikel: Wer gibt Syrien den Syrern?

Von Stephan Baier

Stephan Baier. Foto: DT
Stephan Baier. Foto: DT

Ein neutraler und demokratischer Staat solle Syrien werden, fordert der italienische Jesuit Paolo Dall'Oglio, der sich jahrzehntelang im syrischen Mar Musa-Kloster für den christlich-islamischen Dialog und für eine Kultur der Gastfreundschaft eingesetzt hat. Er wolle ein Syrien, „das bei den geopolitischen Spielen nicht mitmacht und neutral bleibt“, neutral wie Österreich während des Kalten Kriegs. Keine Chance! Zu spät! Syrien ist längst zum Spielball der Regionalmächte und der Weltmächte geworden. Die Islamische Republik Iran mischt kräftig mit, wie die am Donnerstag in Teheran gescheiterte Syrienkonferenz gezeigt hat. Saudi-Arabien, das Emirat Katar und die Türkei ebenfalls. Auch wenn die schiitische Mullah-Diktatur Iran Assad als Bündnispartner sieht, während die sunnitische Königsdiktatur Saudi-Arabien und die laizistische Republik Türkei auf Assads Sturz setzen, haben diese drei Regionalmächte doch manches gemeinsam: Erstens ist die bisherige syrische Harmonie zwischen Muslimen und Christen für sie bestenfalls von geringem Interesse (Türkei), schlimmstenfalls eine unislamische Häresie (Iran, Saudi-Arabien). Zweitens wollen sie in Syrien nicht den Aufbau eines demokratischen Rechtsstaates fördern, sondern staatliche Stabilität und Berechenbarkeit. Und drittens denken sie nicht im Traum daran, Syrien den Syrern zu überlassen und selbst die Hände aus dem Spiel zu nehmen.

Was für die Regionalmächte gilt, das gilt ebenso für die Weltmächte: Russland und China halten Assad noch die Stange, während Amerika und Europa auf seinen Sturz setzen. Dennoch haben sie viel gemeinsam: Das Schicksal der syrischen Christen ist unter ihrer Wahrnehmungsschwelle. Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sind ihnen weniger wichtig als regionale Stabilität und Berechenbarkeit. Und sie denken gar nicht daran, Syrien den Syrern zu überlassen, sondern wollen ihren eigenen Nahost-Interessen zum Durchbruch verhelfen. Eine der amerikanischen Monroe-Doktrin analoge Parole „Syrien den Syrern!“ wird darum ungehört verhallen. Stattdessen treiben die regionalen Konflikte zwischen Teheran, Ankara und Riad, wie auch die Interessen der Weltmächte das Land immer weiter in Chaos und Terror.

Die Nachbarländer zeigen, wohin dies führt: Der Libanon – einst die „Schweiz des Orient“ und das einzige arabische Land mit christlicher Mehrheit – hat sich nie wieder davon erholt, dass er zum Spielball fremder Mächte (darunter auch Syrien) und zum Schauplatz eines Stellvertreterkrieges wurde. Der Irak – wo trotz der Gewaltherrschaft Saddam Husseins etwa 800 000 Christen leben und überleben konnten – wurde durch den Einmarsch 2003 in Chaos und täglichen Terror gestürzt. Die Syrer seien also gewarnt: Viele Hände bieten ihnen derzeit militärische, finanzielle und politische Hilfe dar, aber keine ist sauber, keine ist ohne eigene Interessen. Dazu kommt, dass die ausländischen Interventionen selten das erreichten, was sie erstrebten. So hat der amerikanische Einmarsch im Irak ausgerechnet den Iran gestärkt – gegen die Interessen der USA und ihrer Alliierten in Jerusalem und Riad. Das wollen Amerikaner und Saudis nun in Syrien korrigieren, wo Teheran seinen Alliierten Baschar al-Assad verlieren und Riad einen neuen sunnitischen Partner gewinnen soll. Nationale Selbstbestimmung sieht jedenfalls anders aus.