Leitartikel: Wende oder Niedergang?

Von Jürgen Liminski

Jürgen Liminski
Jürgen Liminski. Foto: DT

Gegensätzlicher kann es kaum sein. Der eine, Martin Schulz, will, womöglich als Kanzlerkandidat der SPD, die Kreuze in allen öffentlichen Gebäuden, auch in Bayern, abschaffen. Der andere, Francois Fillon, will Frankreich reformieren, vom sozialistischen Einheitsdenken befreien. Der eine will das Kreuz als Symbol abhängen und in Brüsseler Technokraten-Tradition den Geist verbannen und vereinheitlichen, dem anderen geht es nicht um Formen und Symbole, sondern um geistige Freiheit und Vielfalt, um die Wirklichkeit in Europa und damit um die Seele Europas. Schulz steht mit seinem Denken paradoxerweise Leuten wie Wilders, Le Pen und Petry näher als Fillon. Denn die sogenannten Populisten scheren auch alles über ein und denselben Kamm. Sie vereinheitlichen auf negative Weise, Protest und Einfalt sind ihre Kriterien. Fillon und seine Mitstreiter dagegen wollen die Vielfalt bewahren. Fillon steht in der Tradition von Robert Schuman und Jean Monnet, den französischen Vätern Europas.

Sollte Fillon die Präsidentschaftswahlen in Frankreich in vier Monaten gewinnen, wird das auch für Europa eine Wende sein. Denn sein Reform-Programm ist hart, „zu brutal und radikal“ sagen seine Gegner im linken und im eigenen Lager. Aber schon das unterscheidet ihn von eben diesen Gegnern: Ihm geht es um ein Programm, um Ideen, um eine realistische Sicht auf Frankreich und Europa, nicht um seine Person oder nur um Macht. Zwar feilt auch er noch an dem Programm herum, aber diese Feinarbeit betrifft Details, nicht die Substanz. Ziel ist eine freie Gesellschaft mit einer Leitkultur, die in Geschichte, Kultur und Mentalität Frankreichs verwurzelt ist. Das schließt eine Koexistenz mit anderen Kulturen nicht aus, solange diese sich an dieser Leitkultur und den daraus hervorgegangenen Gesetzen, dem esprit des lois, würde Montesquieu sagen, halten. Seinen Gegnern, vor allem beim Front National, geht es nicht um diesen Zusammenhalt der Gesellschaft, sondern um Ausschluss: Raus aus dem Euro, raus aus der EU, Grenzen dicht.

In Fillons Programm erscheint ein Gesellschaftsbild, das schon Aristoteles beschrieb, als er als das einigende Band der Gesellschaft die Freundschaft, den Ausgleich der Interessen, gemeinsame Ziele sah. Seine Gegner dagegen sahen nur die Machbarkeit und die Ausgrenzung des Anderen. Mit Monnet und Schumann als den Initiatoren und den großen Staatsmännern Adenauer, de Gaulle und Gasperi als Gestalter dieser Vision, hat Europa ein neues Zeitalter begonnen. Es könnte mit den ausgrenzenden Nationalisten zuende sein oder mit Fillon in einen Neuanfang münden. Das wird sich im anstehenden Jahr entscheiden. Sicher ist noch nichts, zumal die linksliberalen Medien bereits mit ihrer Kanonade auf Fillon begonnen haben. Sie wollen ihn als Rechtskatholiken darstellen, eine absurde Figur, die aber auch in Deutschland derzeit en vogue ist. Fillon ist bekennender Katholik, aber kein „Weihwasserfrosch“, wie es in seinem Wahlkampfbüro heißt. Im Gegenteil, er mahnt die Bischöfe, sich des christlichen Geistes Europas zu besinnen, die Kirche im Dorf und das Kreuz an der Wand zu lassen. Bekennermut ist gefragt für 2017, keine vorauseilende Unterwerfung.

Jürgen Liminski
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