Leitartikel: Wem nichts mehr heilig ist

Von Stephan Baier

Stephan Baier. Foto: DT
Stephan Baier. Foto: DT

Angesichts der Gewaltausbrüche, die ein primitives 14-Minuten-Video unter Muslimen bewirkt, drängen sich zwei Fragen auf: Warum genügt heute ein brennendes Streichholz, um einen Flächenbrand in der islamischen Welt auszulösen? Und was soll daran aufgeklärt, klug, verantwortungsvoll oder gar Ausdruck von Meinungsfreiheit sein, in einer solchen Umgebung mit brennenden Streichhölzern um sich zu werfen? Die erste Frage ist mit dem Verweis auf das Gewaltpotenzial des Islam bloß oberflächlich beantwortet. Sicher, am Ursprung des Islam steht eine Persönlichkeit, die sich auch als politischer und militärischer Führer verstand – bereit, für seinen Glauben nicht nur zu leiden, sondern auch zu töten. Jesus dagegen weist jede politische Interpretation seiner Sendung zurück, nimmt anstelle des bewaffneten Kampfs den Tod am Kreuz auf sich. Trotzdem galt auch im christlichen Abendland Gotteslästerung lange nicht nur als Sünde, sondern als Verbrechen. Und man darf zumindest fragen, ob die allzu leisen Reaktionen auf Schmähungen ihres Glaubens seitens der heutigen Christen tatsächlich Ausdruck ihrer leidensbereiten Kreuzesnachfolge sind – oder eher Zeichen bedenklicher Gleichgültigkeit.

Wenn muslimische Massen heute wegen Schändungen des Koran, Mohammed-Karikaturen und einem lausigen Video in Rage geraten, hat dies nicht nur religiöse Gründe. Es geht in einem historischen Sinn um die Beleidigung der eigenen Identität, denn seit gut 200 Jahren fühlt sich die islamische Welt vom „Westen“ kulturell, ideologisch, politisch und militärisch dominiert. Dieses nicht unbegründete Gefühl der Fremdbestimmung eskaliert dann in Wut, Hass und blinder Gewalt, wenn die herablassend dozierten „Werte“ des aufgeklärten Westens besonders krass mit der Erfahrung von Muslimen zusammenprallen, denen im Westen sei nichts mehr heilig: etwa wenn US-Soldaten muslimische Gefangene im Irak und in Guantanamo foltern, oder wenn im Namen der Meinungsfreiheit religiöse Gefühle mit Füßen getreten werden. Es war die Unglaubwürdigkeit des Westens – der einst vom Selbstbestimmungsrecht der Völker sprach, aber Kolonialreiche errichtete, der Demokratie zu bringen verheißt, aber nur Erdöl will –, die den Islam erst wieder zu einem politischen Faktor machte. Erst nachdem sie alle westlichen Ideologien erfolglos durchbuchstabiert hatten, wandten sich muslimische Gesellschaften wieder einer politischen Interpretation des Islam zu. Das begann mit der iranischen Revolution 1978/79 und endet keinesfalls mit dem von Washington und Riad unterstützten Sturz der säkularen Diktatur in Syrien.

In einer solchen Situation ist jeder Aktionismus der Islam-Hasser geradezu Wasser auf die Mühlen der Islamisten. Wie vor einem Jahrhundert die Nationalisten in Europa sich gegenseitig zur Bestätigung ihrer Feindbilder brauchten, um schließlich freudig in das Völkermorden des Ersten Weltkriegs zu ziehen, so brauchen Islamophobe und radikale Islamisten einander heute zur Bestätigung ihrer jeweiligen Vorurteile und ihrer Paranoia, der „clash of civilizations“ sei unausweichlich. Beide Seiten sind an Provokation und Eskalation interessiert. Christen haben nichts gemein mit Provokateuren, denen weder die religiösen Gefühle anderer Menschen heilig sind, noch das Leben jener Menschen, die durch die Eskalation nun am meisten gefährdet sind.