Leitartikel: Wem gehört die Revolution?

Von Stephan Baier

Stephan Baier. Foto: DT
Stephan Baier. Foto: DT

Beim Sturz der totalitären Regime in Mittel- und Osteuropa hat die Kirche eine maßgebliche Rolle gespielt: Ohne Johannes Paul II. und den Klerus Polens hätte es keine „Solidarnosc“ gegeben, ohne unierte Christen keinen ukrainischen Frühling. Ohne die zahllosen Märtyrer und herausragende Bekenner wie den ungarischen Primas Mindszenty, den kroatischen Kardinal Stepinac, den ukrainischen Kardinal Slipyj und andere geistliche Giganten, die Heilige und Helden zugleich waren, wäre das Monster, das Ronald Reagan mit Recht ein „Reich des Bösen“ nannte, nicht zu Fall gebracht worden. Bei den Revolutionen von 1989 bis 1991 ging es nicht bloß um zwei wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Systeme. Es ging um die Würde des Menschen, die von einer Ideologie vergewaltigt wurde, deren Menschenverachtung aus dem Hass auf Gott kam. Die historische Wahrheit ist, dass nicht „der Westen“ die Menschen „im Osten“ befreite, dass sich vielmehr die Freiheit Bahn brach, als die Menschen ihre Angst vor der Macht abgeschüttelt hatten.

Auch in Tunesien und Ägypten haben die Massen ihre Angst vor der Macht abgeschüttelt. Millionen gehen für ihre Freiheit auf die Straße. Und so mancher Beobachter fragt nun – selbst in der warmen Stube westlicher Rechtsstaaten sitzend – verwundert oder mahnend, wo denn die Stimme der Kirche bleibe, warum der koptische Papst Shenouda so schüchtern agiere und sich von dem in die Defensive gedrängten Regime missbrauchen lasse. Differenzierung ist angebracht: Die Lage der Christen im Orient ist mit jener im einstigen „Ostblock“ nicht zu vergleichen. Die Ostblock-Diktatoren wollten eine kommunistische Gegenkirche, mit eigenen Dogmen, eigenem Lehramt und vor allem eigener Inquisition etablieren. Doch ihre Ideologie blieb den Herzen der Menschen fremd. Im Orient aber gibt es eine Renaissance des politischen Islam, die gerade nicht von den Herrschenden betrieben wird, sondern in den Herzen breiter, armer und teilweise ungebildeter Massen beheimatet ist. Es gibt keinen Grund für die Kopten, Mubarak zu verteidigen und sein Regime zu stabilisieren, aber sie fürchten auch eine Machtübernahme radikal populistischer Muslimbrüder.

Auch in anderen arabischen Staaten ist der wenig zufriedenstellende Status quo aus Sicht der angestammten Kirchen nicht die größte denkbare Kata-strophe. Die stets fragile Situation im Libanon ist gefahrvoll, aber für die Christen besser als neuer Krieg oder Bürgerkrieg. In Syrien mögen sich die Christen unterschiedlicher Konfession als Bürger mehr Freiheit und Rechtsstaatlichkeit wünschen, doch werden sie als Gläubige das hohe Maß an Religionsfreiheit schätzen, das ihnen die Diktatur Assads ermöglicht. In Jordanien ist es die Autorität König Abdullahs, die den gesellschaftlichen Frieden und damit die freie Religionsausübung der Christen garantiert. Wenn im Orient die Autokraten stürzen, sei es durch Revolution wie 1979 im Iran oder durch militärische Intervention wie 2003 im Irak, ist damit keineswegs schon der Weg zu Freiheit und Rechtsstaatlichkeit gesichert. Darum hüten sich die lokalen Kirchen, mit fremden Feuern zu spielen. Und die erste Sorge der orientalischen Hirten gilt nicht der Weltpolitik, sondern ihren bedrängten Gläubigen. Zumal sich erst am Ende zeigt, wem die Revolutionen von heute morgen gehören werden.