Leitartikel: Warum der Papst zurücktritt

Von Guido Horst

Guido Horst. Foto: DT
Guido Horst. Foto: DT

Noch kann sich niemand vorstellen, wie sich die römische Kirche zu Ostern oder vielleicht schon zu Palmsonntag präsentieren wird. Denn es ist der Papst, der ihr sein Gesicht gibt – und das Gesicht von Benedikt XVI. wird es dann nicht mehr sein. Zumindest nicht öffentlich, zumindest nicht sein Gesicht aus Fleisch und Blut. Viele bestätigen inzwischen, dass sie beobachten konnten, wie dem Papst, wie er selber am Montag sagte, „die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes“ zurückgegangen ist, „eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen“. Nicht nur die Schwäche des Körpers, auch die Schwäche des Geistes oder Gemüts hat in ihm den Entschluss reifen lassen. Es hieß jetzt im „Osservatore Romano“, dass Papst Benedikt seit der Reise nach Mexiko und Kuba an einen Rücktritt dachte. Sein Bruder Georg war seit Monaten eingeweiht.

Ein Papst kann im Vatikan alt und gebrechlich, auch krank und siechend werden. Johannes Paul II. hat das über Jahre vorgelebt. Viele, vor allem ältere und leidende Menschen, haben sich daran aufgerichtet, jüngere Menschen waren beeindruckt und gerührt. Aber genau das wollte Benedikt XVI. nicht. Im Sommer 2010 diktierte er Peter Seewald für das Interview-Buch „Licht der Welt“ den Satz: „Wenn ein Papst zur klaren Erkenntnis kommt, dass er physisch, psychisch oder geistig den Auftrag seines Amtes nicht mehr bewältigen kann, dann hat er ein Recht und unter Umständen auch eine Pflicht, zurückzutreten.“ Das war damals seine Überzeugung. Und er hat sich jetzt selber daran gehalten.

Tatsächlich ist das ein revolutionärer Schritt, eine historische Zäsur von größter Bedeutung für die kommende Zeit der Kirche. Man erinnere sich: In den Leidensjahren Johannes Pauls II. war es tabu, das Wort „Rücktritt“ in den Mund zu nehmen. Kardinal Angelo Sodano hat das einmal getan, und musste sich sogleich rechtfertigen. Von diesem ungeschriebenen Gesetz, dass ein alter und kranker Papst „durchhalten“ müsse, klang noch etwas in der spitzen Bemerkung mit, die jetzt Kardinal Stanislaw Dziwisz gegenüber Journalisten machte, Johannes Paul II. sei „nicht vom Kreuz heruntergestiegen“. Aber nach reiflicher Überlegung und Meditation kam Benedikt XVI. zu dem Schluss, genau dieses ungeschriebene Gesetz zu brechen. Er hat den Päpsten der Zukunft endgültig die Freiheit gegeben, sich so oder so zu entscheiden, wenn die Last des Alters drückt: durchhalten oder zurücktreten. Das ist neu. Vergleiche mit den wenigen Päpsten in der Kirchengeschichte, die vor vielen Jahrhunderten zurückgetreten sind, verbieten sich. Das waren völlig andere historische Konstellationen.

Johannes XXIII. und Paul VI. sind noch relativ „diskret gestorben“. Papst Leo XIII. war in den letzten Lebensjahren senil. Niemand hat es gemerkt. Leiden und Sterben eines Papstes waren damals nicht öffentlich. Das hat sich in der modernen Medienwelt von heute völlig geändert. Johannes Paul II. ist das beste Beispiel dafür. Und so fasste Joseph Ratzinger den Entschluss, ein ungeschriebenes Gesetz ein für alle Mal aufzuheben.