Leitartikel: Verzweiflung der Notenbanker

Von Andreas Wodok

Andreas Wodok. Foto: DT
Andreas Wodok. Foto: DT

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins von 0,15 Prozent auf 0,05 Prozent gesenkt und damit das fünfte Rekordtief innerhalb von zwei Jahren aufgestellt. Zudem haben die Notenbanker den Strafzins, den Geschäftsbanken zahlen müssen, wenn sie Geld kurzfristig bei der EZB parken, auf 0,2 Prozent verdoppelt. Umgekehrt werden künftig für Geld, das sich die Banken von der EZB kurzfristig leihen, statt 0,4 nur noch 0,3 Prozent Zinsen fällig.

EZB-Präsident Mario Draghi begründet diese Schritte mit der anhal-tend niedrigen Inflation in Europa. Die Teuerung war im August wegen gesunkener Energiepreise auf 0,3 Prozent gefallen, den niedrigsten Wert seit fast vier Jahren. Damit liegt die Inflationsrate weit unter jenen zwei Prozent, die die EZB als Zielmarke für Preisstabilität anstrebt.

Das schürt die Angst vor Deflation. Darunter verstehen Ökonomen einen generellen Preisverfall, von dem praktisch alle Waren und Dienstleistungen betroffen sind. Einmal in Gang gekommen, lässt sich solch eine Abwärtsspirale kaum noch aufhalten, denn wenn alle, Unternehmen und Verbraucher, mit fallenden Preisen rechnen und deshalb ihre Investitionen und Anschaffungen hinausschieben, drückt die fehlende Nachfrage das Preisniveau immer weiter nach unten.

Deflation würde die ohnehin schwache Konjunktur in Europa vollends abwürgen. Im zweiten Quartal dieses Jahres ist die Wirtschaft EU-weit bereits nicht mehr gewachsen; der bisherige Wachstumsprimus Deutsch-land musste sogar ein Minus von 0,2 Prozent hinnehmen und hat damit erstmals seit vier Jahren schlechter abgeschnitten als die Eurozone.

Dass die EZB mit ihrer erneuten Zinssenkung tatsächlich die Konjunktur – und damit die Inflation – beleben kann, muss allerdings bezweifelt werden. Ob der Leitzins bei 0,15 oder bei 0,05 Prozent steht, macht letztlich kaum noch einen Unterschied. Der Zinsschritt zeugt vielmehr von Ohnmacht: Die EZB ist mit ihrem Latein am Ende. Für diesen Befund spricht auch, dass die Notenbank zusätzlich zur Leitzinssenkung ab Oktober auch Pfandbriefe und vor allem verbriefte Kreditforderungen von den Banken aufkaufen will. Diese sogenannten ABS-Papiere gelten als Auslöser der Finanzkrise – und bitten, wenn's schiefgeht, mal wieder die Steuerzahler zur Kasse.

Doch auch wenn das – juristisch oh-nehin zweifelhafte – ABS-Manöver gutgeht, zahlt die Gesellschaft drauf. Denn alle, die sparen und fürs Alter vorsorgen, werden durch die jahrelangen Mini-Zinsen enteignet. Und schlimmer noch: Weil es kaum noch seriöse rentable Anlagemöglichkeiten gibt, wandert immer mehr Geld ins Spekulative. Das Volumen europäischer High Yield Bonds zum Beispiel hat sich seit der Fi-nanzkrise mehr als verzehnfacht. Dahinter stecken Anleihen von Unternehmen, deren Kreditwürdigkeit äußerst zweifelhaft ist. Was, wenn diese Blase – und all die anderen, die mit der Strategie des immer billigeren Geldes geschaffen werden – irgendwann platzt?

Es ist an der Zeit, dass Europa die Augen aufmacht und einsieht, dass eine einheitliche Geldpolitik nicht funktionieren kann, solange 28 nicht nur ökonomisch zum Teil völlig verschiedene Nationalstaaten jeweils ihre eigenen Interessen verfolgen.