Leitartikel: Vertrauen verpflichtet

Von Regina Einig

Regina Einig
Regina Einig. Foto: DT
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Regina Einig. Foto: DT

Papst Franziskus beherrscht die Kunst, souverän zurückzurudern. Im Vergleich zur Standpauke für die Kurie im Vorjahr wirkte seine Weihnachtsansprache an die Mitarbeiter in diesem Jahr geradezu wie ein warmer Regen. In der Wortwahl sichtlich um Fairness bemüht, präsentierte sich der Pontifex beinahe verletzlich. Nachdem der 79-Jährige 2015 einen beispiellosen Terminmarathon mit anstrengenden Auslandsreisen absolviert hat, sprach er erstmals öffentlich vom Trost, den die Hilfe loyaler Mitarbeiter für ihn bedeutet. Wer die heftige Kritik des Papstes an der Kurie im Dezember 2014 als Reformmusik interpretierte, sieht sich heute eines Besseren belehrt. In den vergangenen zwölf Monaten wurde der Apparat nicht von Grund auf umstrukturiert und auch an den Spitzen der Dikasterien sind keine Köpfe gerollt. Dass viele der gestern Gescholtenen heute immer noch im Amt sind, spricht für sich.

Trotz mehrerer Vatikan-Skandale blieb ein dominoeffektartiger Prestigeschaden für die Kurie aus. Persönlichkeiten wie die Kardinäle Robert Sarah und George Pell haben ihr weltkirchliches Profil 2015 sogar deutlich geschärft. Gerade im Zusammenhang mit der Familiensynode sahen sich Kurienmitarbeiter hohen Erwartungen der Ortskirchen ausgesetzt: Je mehr Diözesanbischöfe in theologischen Fragen mäandern, desto wichtiger werden fundierte Einschätzungen aus Rom.

Dass der Papst die Kurienreform fortsetzt, ist keine Überraschung. Alles andere wäre absurd. Vatileaks II und andere missliche Vorfälle lassen keine Alternative zu. Vertrauen verpflichtet: Von Kardinal Bergoglio hatten sich die Kardinäle im Konklave einen verschlankten und effizienteren, vor allem aber skandalfreien Kurienbetrieb erhofft. Nun steht Franziskus in der Pflicht, auch wenn sich das Reformprogramm erst schemenhaft abzeichnet.

Der Papst hielt eine Weihnachtsansprache im Bergoglio-Stil und verzichtet auf die klassischen Synthesen seiner Vorgänger, die im Rückblick auf ihre Jahresagenda die Linien von einzelnen Ereignissen zu theologischen Grundsatzfragen auszuziehen pflegten und den roten Faden ihres Regierungsprogramms vorzeigten. Ansprachen von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. an die Kurie beinhalteten in der Regel einen Fingerzeig: Der Papst analysierte zentrale Themen des ausklingenden Jahres und ordnete geistliche Fragen ein, die er für den theologischen Diskurs und die Seelsorge als relevant betrachtete.

Ganz anders Papst Franziskus: Er setzt bei der Erneuerung der Kirche auf die persönliche Heiligung der Mitarbeiter. Auch seine diesjährige Ansprache spiegelte die Erfahrung des jesuitischen Exerzitienmeisters. Das garantiert dem Papst einen weiteren PR-Erfolg: Alle angesprochenen Punkte lassen sich uneingeschränkt oder teilweise auf die Ortskirchen übertragen. Bei allen Identifikationsmöglichkeiten bleiben jedoch auch Fragen offen. Vor allem das Leitmotiv des gegenwärtigen Pontifikates – Barmherzigkeit – umfasst sowohl innerhalb der Kurie als auch in den Ortskirchen ganz unterschiedliche, teilsweise auch widersprüchliche Konzepte und Ziele. Wie wird Papst Franziskus entscheiden? Vor Weihnachten ist die Spannung auf konkrete Reformbeschlüsse erneut gestiegen. Auch das ist ein Effekt der Ansprache an die Kurie.