Leitartikel: Türkische Allianzen

Stephan Baier. Foto: DT
Stephan Baier. Foto: DT

Ein Papstbesuch in der Türkei ist immer schwierig. Zu zerrissen ist das Land, zu polarisiert seine Gesellschaft, zu marginalisiert seit neun Jahrzehnten seine einst blühende Christenheit. Der Papst ist in diesem Land ein Fremder: nicht erst seit Atatürks Kulturrevolution, auch nicht erst seit der islamischen Eroberung, sondern seit der Spaltung zwischen dem alten und dem neuen Rom, zwischen orthodoxer und katholischer Welt. Kein Papstbesuch kann all diese Wunden heilen und die Gräben eines Jahrtausends überbrücken, doch seit einem halben Jahrhundert arbeiten die Nachfolger Petri emsig daran. Sie haben sich dem ökumenischen Dialog, dessen finales Ziel die volle Einheit ist, ebenso verschrieben wie dem Dialog mit dem Islam, der auf ein respektvolles, friedliches Miteinander zielt. Auf beiden Feldern bläst dem Papst heute ein rauer Wind ins Gesicht: In der katholisch-orthodoxen Ökumene, weil die orthodoxen Kirchen in Russland, Serbien und Griechenland mehr auf die Symphonie mit Staat und Nation setzen als auf die Ökumene der Christen; im christlich-islamischen Dialog, weil sich die tiefe Identitätskrise des Islam von Pakistan über Nahost bis Nigeria heute in bestialischen Gewaltexzessen und irrem Sektierertum austobt.

Gerade darum war der Papstbesuch in der Türkei wichtig, denn hier ist alles anders: Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel kann nie mit dem Staat kuscheln. Es trägt die Würgemale der kemalistischen Erdrosselungsversuche allzu sichtbar. Bartholomaios weiß, dass die Christen im Nahen Osten – heute mehr denn je – entweder gemeinsam überleben oder gemeinsam untergehen. Zudem ist der Mönch auf der Kathedra des Apostels Andreas im Gegensatz zu manchem seiner Mitbrüder kein Machtpolitiker im Bischofstalar, sondern ein Gottesmann, der es mit dem Evangelium ernst meint. Aber auch der türkische Islam ist anders: vom religionsfeindlichen Staatsgründer Atatürk einst hart domestiziert, ist ihm der irrlichternde Obskurantismus, der heute im Orient tobt, eher unheimlich. Auch ist die Türkei seit einem Jahrzehnt dabei, ihre ältere, osmanische Tradition neu zu entdecken – und damit jene Epoche, in der die Christen unterschiedlicher Riten und Sprachen eine große Rolle spielten. Sowohl die Aufnahme von knapp zwei Millionen Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak wie auch die – zaghaft, aber doch – erweiterten Rechte für die Christen in der Türkei haben eben damit zu tun, dass die AKP-Regierung an das osmanische Erbe mit seinem übernationalen, multireligiösen Charakter anknüpfen will. Kein Zufall, dass Erdogan dem Papst als Geschenk den auf Silber geprägten Text eines Erlasses von Sultan Mehmet II. überreichte, in dem der Eroberer von Konstantinopel den Christen volle Religionsfreiheit zusicherte. In dieser Tradition der Sultane und Kalifen sieht sich der heutige Präsident der Türkei.

Franziskus tat deshalb gut daran, in Ankara an die Verantwortung der Türkei für die gesamte Region zu erinnern. Auch wenn Erdogan und der Chef des Diyanet sich über die wachsende Islamophobie im Westen ereiferten, so wissen sie doch, dass nichts dem Islam mehr schadet und nichts die Ressentiments gegenüber dem Islam mehr fördert als die menschenverachtenden selbsternannten Gotteskrieger. Gegen diese Terroristen braucht es politische wie religiöse Allianzen – denn sie sind Verbrecher und Gotteslästerer.