Leitartikel: So blockiert sich Kirche selbst

Von Markus Reder

Markus Reder. Foto: DT
Markus Reder. Foto: DT

Was für ein Rückfall. Anders kann man kaum nennen, was nun schon seit über einer Woche als „Zölibats-Debatte“ durch Kirche, Politik und Medien geistert. Als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt, verrennt man sich in eine von acht CDU-Politikern initiierte Diskussion über die priesterliche Ehelosigkeit. Das ist in der Sache falsch und in der Außenwirkung fatal. In Europa verdunstet der Glaube. Selbst sogenannte engagierte Katholiken wissen oft nur noch wenig über den Glauben ihrer Kirche. Eine kalte, orientierungslose Gesellschaft schreit nach Sinngebung und Wegweisung. Und Unionspolitiker schicken sich an, vorgeburtliche Selektion (PID) zur Christenpflicht (Peter Hintze) zu erklären. Das sind nur wenige Beispiele, die allesamt zeigen, wie dringlich das Zeugnis und klare Bekenntnis von Katholiken jetzt wäre. Doch Fehlanzeige. Stattdessen wirft man sich in die kirchenpolitischen Gräben der 1970er und 1980er Jahre. Anders ausgedrückt: Die Welt hungert nach Gott, Katholiken diskutieren die Lockerung des Zölibats. Das ist arm.

In Wirklichkeit – auch das hat die Diskussion inzwischen gezeigt –, geht es nicht nur um die Frage des Zölibats. In aller Offenheit ist vom deutschen Sonderweg die Rede. Dass dies so deutlich formuliert wird, ist fast schon als Gewinn zu sehen. Damit ist klar, was auf dem Spiel steht. Die Los-von-Rom-Bewegung ist keine Schimäre.

Der Missbrauchsskandal hat die Kirche in eine tiefe Krise gestürzt. Die Antwort darauf muss heißen: Innere Reinigung, Erneuerung, Besinnung auf das Wesentliche, auf Jesus Christus. Ein solcher Aufbruch schließt die nötige Selbstkritik selbstverständlich mit ein, ja setzt sie voraus. Das ist aber etwas anderes als ein Dialogprozess, der sich im Reform-Gezänk festfährt und damit die Verkündigung blockiert. Kirche muss Christus sichtbar machen, sein Heilshandeln vergegenwärtigen. Wo sie aus Quellen lebendigen Wassers schöpft, ist sie zeitlos attraktiv. Wo das Brackwasser der Kirchenpolitik gereicht wird, braucht man sich nicht wundern, wenn viele sich mit Grauen abwenden.

Nach 2010, dem Jahr des Entsetzens, böte 2011 – gerade für die Kirche in Deutschland – die Chance, ein Jahr der Besinnung und des Aufbruchs zu werden: In Rom wird mit Johannes Paul II. ein Gigant des Glaubens zur Ehre der Altäre erhoben. Es folgen Seligsprechungen im Süden (Georg Häfner, Würzburg) und im Norden (Lübecker Märtyrerpriester). Im September besucht der deutsche Pontifex sein Heimatland. Was für Geschenke inmitten der Krise. Was für eine Chance, den Glauben zu vertiefen. Welche Gelegenheit, sich mit dem Wesen des Priestertums zu befassen. Voraussetzung ist freilich die innere Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Denn: Glaube kann nur da fruchtbar werden, wo der Boden nicht durch Kirchenpolitik kontaminiert ist.

Die Gefahr, dass die Chance verpasst wird, ist groß. Die vergangenen Tage lassen das erahnen. Darum muss klar sein: Das Thema der kommenden Jahre heißt Neuevangelisierung. Nicht um die Krise zu beschönigen, sondern um sie zu bewältigen. Gelingt das nicht, braucht sich niemand über die weitere Marginalisierung von Glaube und Kirche zu wundern. Der Dauerzoff über Rand- und Reizthemen lähmt. Die Diskussion um einen deutschen Sonderweg spaltet. Erneuerung sieht anders aus. Darum muss es jetzt gehen.