Leitartikel: Sind Religionen per se intolerant?

Von Stefan Rehder

Stefan Rehder. Foto: DT
Stefan Rehder. Foto: DT

„Terrorismus hat keine Religion.“ Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dieser Satz in den sozialen Netzwerken nach den furchtbaren Anschlägen islamistischer Terroristen in Paris. Völlig verkehrt sei er, behauptet nun Alexander Grau, Kolumnist auf „Cicero-Online“. Wer dergleichen meine, besitze ein „unrealistisches, kitschiges und verklärtes Bild von Religion“. Religion bedeute weder „Friedfertigkeit, Sanftheit und Milde“, noch „Lichterketten, Friedensgebete und Händchenhalten“. Religionen verkündeten „die Wahrheit“, „die eine, alleinige und umfassende Wahrheit“. Daher seien Religionen „notwendig intolerant“. Sie müssten es sogar sein, da „alles andere“ ihrer „Logik“ widerspreche. Wer sich „im Besitz der absoluten, von Gott selbst offenbarten Wahrheit“ wisse, „kenne keine Kompromisse, keine Halbwahrheiten“. Religion, die sich selbst ernst nehme, dürfe „keine andere Religion, keine andere Weltanschauung neben sich dulden“. Da es „zwei Wahrheiten nicht geben kann“, wäre „alles andere Relativismus“.

Es sind die vielen Halbwahrheiten in Graus Kolumne, die der Korrektur bedürfen. Natürlich haben „Lichterketten“ und „Händchenhalten“ nichts mit Religion zu tun, sondern sind „nur“ Ausdruck menschlicher Solidarität. Was sie freilich – ebenso wenig wie Religionen – zu Phänomen macht, derer man spotten sollte. Natürlich kann es keine zwei Wahrheiten geben; jedenfalls nicht, wenn man – wie Grau offenbar auch – den „Satz vom Widerspruch“, als logisches und ontologisches Prinzip anerkennt. Doch folgt aus der Einsicht des Aristoteles, es sei unmöglich, „dass dasselbe demselbem in derselben Hinsicht zugleich zukomme und nicht zukomme“, keineswegs, dass das für wahr Gehaltene auch mit Gewalt durchgesetzt werden muss. Wäre es anders, hätte etwa das „Martyrologium Romanum“ nicht zu einem so beeindruckend dicken Wälzer werden können, müsste der Papst auch heute ein Stehendes Heer statt einer Schweizer Garde besitzen, müssten sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und der Ratspräsident der Evangelischen Kirchen in Deutschland blutig befehden, statt Gemeinsames auszuloten, müsste schließlich jeder Muslim einen Sprengstoffgürtel tragen.

All das ist aber offensichtlich nicht der Fall. Was wiederum nicht bedeutet, dass keine Pathologien der Religion existierten. Die gab und gibt es reichlich. Doch so wie es sich verbietet, Menschen mit den Krankheiten gleichzusetzen, an denen sie im Laufe eines Lebens erkranken können, so unredlich ist es, Pathologien der Religion zu ihrem Normalfall zu erklären. Und hätte Terror eine Religion, hätten sich dann nicht Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot durch besondere Frömmigkeit auszeichnen müssen? Anders als Grau behauptet sind Religionen auch nicht „notwendig intolerant“. Denn richtig verstanden erfordert Toleranz weder den Verzicht auf unbedingte Überzeugungen, wie sie Religionen eigen sind, noch alle Überzeugungen für gleichwertig zu erachten, sondern „bloß“, dass man die Träger unterschiedlicher Überzeugungen in gleicher Weise achtet. Intolerant ist nicht, wer etwa die Ansicht ablehnte, die Erde sei eine Scheibe. Intolerant ist, wer die Person, die eine solche Ansicht verträte, aus dem Kreis derer, die Achtung und Respekt verdienen, heraus zu definieren oder gar zu bomben suchte.