Leitartikel: Schwieriger als die Einheit

Von Markus Reder

Markus Reder. Foto: DT
Markus Reder. Foto: DT

25 Jahre Deutsche Einheit: Das ist ein Grund zu Freude und großer Dankbarkeit. Trotz aller Schwierigkeiten, die es gab und gibt, ist das Zusammenwachsen eines gewaltsam geteilten Landes besser gelungen, als es viele je für möglich gehalten hätten. Mit Dankbarkeit darf man sich erinnern an die friedliche Revolution, die den Unrechtsstaat der SED zu Fall brachte. An Protestmärsche, die in Gotteshäusern ihren Ausgang nahmen. An Papst Johannes Paul II., jenen Mauerbrecher aus Polen, der die Wende maßgeblich beeinflusste. Erinnert werden muss auch an die historische Leistung von Helmut Kohl, der den Kairos der Geschichte erkannte und entschlossen handelte. Nicht auszudenken, hätte damals ein Lafontaine oder Schröder regiert.

25 Jahre sind eine Zeit, in der auch viel dem Vergessen anheimgefallen ist. Der Osten war nicht einfach das andere Deutschland, wie es linke Ideologen bis heute glauben machen wollen. Die menschenverachtende Brutalität des SED-Regimes darf nie verharmlost werden. Darum sind Gedenkstätten wie Hohenschönhausen von großer und bleibender Bedeutung. Es gehört zur Tragik der vergangenen 25 Jahre, dass den Opfern der DDR-Diktatur nicht jene Aufmerksamkeit zuteil wurde, die ihnen gebührt. Ihr Lebensschicksal ist ein Teil deutscher Geschichte, das bei aller Freude über die wiedergewonnene Freiheit und Einheit nicht vergessen werden darf.

In diesen Tagen des Einheitsjubiläums werden viele Statistiken bemüht. Eifrig vergleicht man Wirtschafts- und Arbeitsmarktdaten. Sie signalisieren: Ja, es wurde Erstaunliches geleistet, doch Unterschiede sind nach wie vor sichtbar. Die Einheit ist aber nicht nur eine Frage von Wachstumsraten und Arbeitsmarktzahlen. Gerne übersehen wird ein Unterschied, der die Christen in Deutschland nicht ruhen lassen dürfte: Im Osten beträgt die Kirchenmitgliedschaft 25 Prozent. Im Westen gehören 70 Prozent der katholischen oder evangelischen Kirche an. Der Osten ist riesiges religiöses Brachland und auch im Westen lässt die Kirchenbindung rasant nach. Haben wir uns damit abgefunden? Wie sieht unsere Antwort darauf auf? Diese Fragen müssen sich die Kirchen heute mit neuer Dringlichkeit stellen. Angesichts der gewaltigen Herausforderungen, die mit den Flüchtlingsströmen heraufziehen, reicht es nicht, das jüdisch-christliche Erbe zu beschwören und auf die kulturprägende Kraft des Christentums zu verweisen. Ein reiches kulturelles Erbe ist gut, am Ende aber zählt nicht, was einmal war, sondern was davon heute noch lebendig und wirksam ist. Das gilt für den Dialog und die Auseinandersetzung mit dem Islam, wie für die immense Integrationsleistung, die in den nächsten Jahrzehnten zu bewältigen ist. Vieles spricht dafür, dass jene Stimmen Recht haben, die die Flüchtlingsströme für eine noch größere Herausforderung halten als die deutsche Wiedervereinigung. Der christliche Glaube verpflichtet dazu, im Fremden und Notleidenden, den Bruder, ja Jesus Christus selbst zu sehen. Die Vernunft mahnt, Probleme und Grenzen des Möglichen, die sich mit der massenhaften Ankunft von Flüchtlingen ergeben, redlich zu benennen und beherzt nach Lösungen zu suchen. Geschieht dies nicht, ist die Humanität als Leitprinzip der Flüchtlingshilfe schnell beim Teufel. Dann bedienen sich rechte Rattenfänger der existierenden Ängst und Sorgen.

Niemand kann heute sagen, wie man in 25 Jahren auf die begonnene „Völkerwanderung“ zurückblickt. Sicher aber ist dies: Das lebendige Bewusstsein für die eigene religiöse und kulturelle Identität, wird maßgeblich darüber entscheiden, wie die Jahrhundertaufgabe Integration bewältigt wird.