Leitartikel: Schluss mit der Selbstbedienung

Von Stefan Rehder

Aristoteles interessierte sich so für Biologie, dass er auch noch ein bedeutender Naturforscher wurde. Gleichwohl kann man bezweifeln, dass der Philosoph – lebte er heute – sich im bioethischen Diskurs zu Wort melden würde. Heißt es doch in der „Topik“: „Man soll nicht jedes Problem und nicht jede These untersuchen, sondern nur solche, bei denen es zur Lösung obwaltender Zweifel der Vernunft bedarf, nicht aber solche, bei denen der Zweifler die Züchtigung verdient, und nicht solche, bei denen die gesunden Sinne die Lösung finden.“

Nun können weder Züchtigungen noch gesunde Sinne verhindern, dass Menschen die Erkenntnisse der Embryologie ignorieren, denen zufolge sich der Mensch nicht zum Menschen (wie Aristoteles noch vor rund 2000 Jahren annahm), sondern als Mensch entwickelt, und versuchen, eigene Interessen rücksichtslos durchzusetzen. Wo man dem Philosophen zugestehen mag, sich, angewidert von der mit Dummheit gepaarten Brutalität, zurückzuziehen, ist die Politik gefordert, hervorzutreten und jene in die Schranken zu weisen, die partikuläre Interessen auf Kosten des Gemeinwohls zu befördern suchen. Tragischerweise ist in bioethischen Debatten stets das Gegenteil der Fall. Als Wissenschaftler verkleidete Unternehmer treiben dort Politiker wie Hühner über den Hof und machen ihnen ein um das andere Mal ein X für ein U vor.

Nur ein völlig Ahnungsloser kann etwa glauben, dass die diese Woche bekannt gegebene Nachricht von dem im Januar geborenen ersten französischen Designer-Baby – weitere sind angekündigt – ganz zufällig mit den Beratungen des Parlaments über die Novelle der Bioethikgesetzgebung zusammenfällt. Nur wer auch seinen letzten Rest Verstand erfolgreich niedergetrunken hat, wird René Frydmann, der nicht nur Designer-Babys herstellt, sondern auch Embryonen klonen will und die Fortentwicklung der Reproduktionsmedizin durch die geltende Rechtslage bedroht sieht, mit einem Menschenfreund verwechseln können. Lobbyisten in eigener Sache gibt es freilich auch hier. Manche spielen, wie der Arzt Matthias Bloechle, gar mit der Justiz Katz und Maus; übertreten erst das von allen für Recht Gehaltene und zeigen sich dann selbst an, um einen Präzedenzfall zu schaffen.

In einem Beitrag für den „Tagesspiegel“ hat Herbert Kentenich, Leiter des „Fertility Center Berlin“, jetzt kenntlich gemacht, was er von den völlig unterschiedlichen Gesetzentwürfen hält, mit denen die Politik Bloechle hinterherdackelt, um die PID hierzulande neu zu regeln. Nämlich nichts. Selbst der Hintze-Entwurf geht Kentenich nicht weit genug, weil dort statt der Eltern eine Kommission darüber befinden soll, ob im Labor erzeugte Embryonen auch einer PID unterzogen werden. Man kann Verständnis dafür haben, dass 10 000 Euro pro PID auf Unternehmer eine starke Anziehungskraft entfalten und wird doch darauf bestehen müssen, dass ein Gemeinwesen kein Selbstbedienungsladen ist und es auch in einer freiheitlichen Demokratie Grenzen dessen geben muss, was sich vereinbaren lässt. In Deutschland kann man sie sogar nachlesen. Sie stehen im Grundgesetz.