Leitartikel: SPD: Gabriels linke Option

Von Jürgen Liminski

Jürgen Liminski. Foto: Archiv
Jürgen Liminski. Foto: Archiv

Alle reden von der Großen Koalition, nur Sigmar Gabriel nicht. Der SPD-Vorsitzende bläst auf dem Marktplatz ins rot-grüne Horn. Doch er wäre ein schlechter Politiker, würde er nur über diese Möglichkeit nachdenken. Gabriel könnte auch eine ganz andere Rechnung aufmachen. Nach Umfragen liegt die Union bei 40 Prozent, vermutlich knapp vor Rot-Grün. Selbst wenn die Liberalen den Einzug schaffen, wird es für die Kanzlermehrheit (50 Prozent plus eine Stimme) nach heutigem Stand wohl nicht reichen. Deshalb reden ja auch alle von einer Großen Koalition aus Union und SPD, selbst die starke Frau in der SPD, Nordrhein-Westfalens Regierungschefin Hannelore Kraft. Sie könnte mit diesem Modell sich weiter im Bundesrat als Gegenpol zu Berlin und zur Bundespartei profilieren.

Gabriels Rechnung nun könnte so aussehen: Er möchte Kanzler werden. Das geht nur ohne CDU. Kommt es zu dem erwarteten Ergebnis am 22. September, dann wird man erstmal in Verhandlungen mit der Union eintreten. Damit ist Steinbrück „entsorgt“, denn dafür steht er ja nicht zur Verfügung. Gleichzeitig redet man mit der Linken und lotet deren Kompromissbereitschaft aus. Die ist reichlich vorhanden, Wahlkämpfer Gysi übt sich schon in Sirenengesängen. Nach zwei, drei Wochen verlässt man unter einem Vorwand empört den Verhandlungstisch mit der Union, schmollt ein paar Tage und tritt offiziell in Verhandlungen mit der Linken ein. Wenn die Linke eine rot-grüne Minderheitsregierung unter einem Kanzler Gabriel befristet toleriert, ist das erste Etappenziel erreicht: Angela Merkel ist weg, mit ihr der persönlich angereicherte Amtsbonus. Nach einem Jahr könnte man dann Neuwahlen erzwingen. Gründe gäbe es genug: Die Euro-Krise verlange eine stabile Mehrheit, ohne Mehrheit sei der Reformstau nicht abzubauen, et cetera. Gabriel wäre der natürliche Kandidat, diesmal mit Amtsbonus, der die negative Ausstrahlung des polternden Politikers überstrahlt. Und die Linke könnte über die Stufe der „langweiligen Tolerierung“ (Gysi) endgültig in die Regierung einziehen.

Das Szenario ist nicht abwegig. Es wird auch in der Union gesehen, aber (noch) nicht thematisiert. Dabei wäre es geeignet, die Stammwähler zu mobilisieren. Denn der Schlafwagen-Wahlkampf schläfert auch die eigenen Leute ein, Steinbrück wird längst nicht mehr als Gefahr wahrgenommen. Dessen als „heiß“ angekündigte Wahlkampfphase mit den Anti-Merkel-Plakaten ist eher dazu angetan, Opfer-Sympathien für Merkel zu wecken, als ihr Wähler abspenstig zu machen. Das Ganze hat den Hautgout des Vergeblichen, des längst verkohlten Bratens. Eigentlich sollte man Steinbrück und seinen Leuten, allen voran Frau Nahles, die demnächst an fünf Millionen Haustüren klingeln, Mut zusprechen nach dem Motto: Haltet durch, es sind nur noch knapp acht Wochen. Man könnte sie aber auch fragen, was sie von Gabriel halten und ob der kanzlerfähig sei. Das könnte den Hausbesuch wieder interessant machen. Es ist alles offen. Vielleicht schafft es die FDP ja doch ganz bequem und vielleicht kommt auch die Alternative für Deutschland über die Fünf-Prozent-Hürde. Gefallen sind die Würfel erst am 22. September nach 18 Uhr. Dann ergeben sich die Daten, aus denen Optionen erwachsen. Die Rot-Rot-Grüne gehört sicher dazu.