Leitartikel: Religiöse Verbuntung?

Von Stephan Baier

Stephan Baier.
Stephan Baier. Foto: DT

Bunt war Österreich auch vor hundert Jahren: Die Habsburger-Monarchie war ein Staat vieler Sprachen und Nationalitäten, Religionen und Konfessionen. Die „Verbuntung“, die sich im viel kleineren Österreich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat und in den nächsten Jahrzehnten beschleunigen wird, hat damit wenig zu tun. Heute ist der Grundkonsens über die einigenden Normen, Werte und Ziele der Gesellschaft in Frage gestellt. Das hat vor allem zwei Ursachen: Die Säkularisierung der Gesellschaft bildet sich nicht nur im anhaltenden Anstieg des konfessionslosen Bevölkerungsanteils ab, sondern hat längst auch in den Kirchen Raum gegriffen. Die vom Christentum geformten Ideen von Personenwürde, Ehe und Familie, Recht und Staat sind heute für viele Ungetaufte wie Getaufte weithin nicht mehr selbstverständlich. Zweitens besteht die 1912 rechtlich anerkannte Islamische Glaubensgemeinschaft längst nicht mehr aus „des Kaisers treuen Bosniaken“: Die gesellschaftlich wie innerkirchlich feststellbare „Verbuntung“ hat auch die Muslime erfasst. In Österreich leben Türken, Iraner, Araber und Bosnier sunnitischen, schiitischen oder alawitischen Bekenntnisses. Folglich gibt es da auch ethnische und ideologische, kulturelle und konfessionelle Spannungen.

Mag sein, dass die „religiöse Verbuntung“ ein Mehr an individueller Freiheit bringt, das vom Einzelnen eine bewusste Entscheidung verlangt. Doch die gesellschaftlichen Gefahren liegen auf der Hand: Ohne ein die Gesellschaft einendes Selbst- und Rechtsverständnis, ohne ein Minimum an Identitätsbewusstsein, lässt sich kein Staat machen. Wenn aber das gesamtgesellschaftliche Wir ausdünnt, wird die Identitätssuche in der Nische stärker. Niemand kann wollen, dass Österreich (oder ein anderes Land Europas) in konfessionelle oder ideologische Millets zerfällt, die ihrem eigenen Wertekanon folgen und parallele Rechtsordnungen errichten. Schon heute ist die individuelle Freiheit in Wien (wie in Paris, Rom und Berlin) höchst verschieden: die Tochter eines Salafisten wird weniger von der „Verbuntung“ haben als die eines evangelischen Pastors.

In der – ebenfalls ethnisch bunter und vielsprachiger gewordenen – katholischen Kirche sollten die Alarmglocken läuten: Die Schrumpfung des Anteils der Katholiken von drei Viertel auf zwei Drittel und die Zukunftsaussichten sind nicht auf Einzelphänomene zurückzuführen. Wenn nach allen Szenarien der Anteil der Katholiken in Österreich unter 50 Prozent fällt (in Wien sogar unter 26 Prozent), sind grundsätzlichere Fragen zu stellen. Die binnenkirchliche Endlosschleife therapeutisch fruchtloser Debatten um die immer gleichen vermeintlich „heißen Eisen“ interessiert eine Mehrheit im Land jedenfalls nicht mehr. Wenn die kleiner werdende, die Mehrheit verlierende Kirche nicht den Irrweg der Ghettoisierung gehen will, muss sie ihr Profil schärfen. Profan gesprochen: In der bunter werdenden Gesellschaft sollte die Kirche ihr Alleinstellungsmerkmal betonen, statt sich in pseudotheologischen Orchideenthemen zu verlieren. Die glaubensloser und zugleich muslimischer werdende Gesellschaft ist eine Einladung an alle Katholiken zu fröhlicher Erstverkündigung. „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“, lautet der Marschbefehl. Auch für Österreich.

Stephan Baier.
Stephan Baier. Foto: DT