Leitartikel: Pontifikat in der Krise

Was auch immer Vigano antreibt, wie wahr oder falsch seine Anklage ist: Sie kann nicht unerwidert bleiben. Der Papst muss seinen Namen reinwaschen. Von Oliver Maksan

Oliver Maksan
Dipl. Theol. Oliver Maksan - Geschäftsführer und Autor "Der Tagespost" Foto: Unbekannt

Wer wusste wann was? Diese Frage beschäftigt normalerweise Gerichte und politische Untersuchungsausschüsse. US-Sonderermittler Mueller etwa arbeitet sich an dieser Frage mit Blick auf die angeblichen Russland-Kontakte von US-Präsident Trump ab. Jetzt hat sie auch die Spitze der katholischen Kirche erreicht. Die Vorwürfe, die Ex-Nuntius Vigano gegen Papst Franziskus und höchste Kirchenvertreter weltweit erhebt, sind schwerwiegendster Natur: Wusste der Papst und seine Umgebung von dem systematisch unmoralischen Lebenswandel des Washingtoner Ex-Kardinals McCarrick und hob doch die von seinem Vorgänger verhängten Sanktionen wider besseres Wissen auf? Die Rücktrittsaufforderung eines hohen Kurialen an den regierenden Papst macht den Skandal komplett.

Bislang fehlen Dokumente, die Viganos Anschuldigungen beweisen. Er führt an, solche lägen in den Archiven des Vatikan bereit. Mitarbeiter haben seine Schilderungen bestätigt, andere Beschuldigte haben dementiert. Wort steht gegen Wort. Präzedenzlos wäre Viganos Vorwurf, höchste Kreise hätten sich der Vertuschung schuldig gemacht, nicht. Im Falle des Legionäre-Gründers Macial war ein ähnliches Muster aus falscher Sorge, Schaden von der Kirche abzuwenden, persönlichen Beziehungen oder Abhängigkeiten erkennbar.

Längst hat sich diese Affäre von der Frage des sexuellen Missbrauchs und der Vertuschung abgekoppelt. Viganos Vorwürfe sind zwischen die Fronten des Bürgerkriegs geraten, der in der Kirche tobt. Die Positionsbestimmung gegenüber der westlichen Moderne lässt die Kirche nicht zur Ruhe kommen. War es im Pontifikat Paus VI. die Frage der Empfängnisverhütung, so ist es heute vor allem die Frage der Homosexualität. An ihr scheiden sich die Geister innerhalb der Kirche: Wieviel Verständnis – wer bin ich zu urteilen? – darf man Homosexuellen seelsorgerlich entgegenbringen, wo sind doktrinelle Grenzen gesetzt? Das Weltfamilientreffen wurde von dieser Frage geprägt. Die Jugendsynode im Oktober wird die nächste weltkirchliche Station dieses epochalen Ringens sein.

Viganos Vorwürfe sind Munition in diesem Kampf. Die Befürworter der reformerischen Agenda des regierenden Papstes tun alles, um die Glaubwürdigkeit Viganos zu diskreditieren. Er nehme Rache an seinen ehemaligen Vorgesetzten, die ihn gegen seinen Willen aus Rom nach Washington abgeschoben hätten. Er selbst habe zudem als Nuntius Ermittlungen gegen den Erzbischof von Minneapolis-St.Paul zu beenden angeordnet und sich damit selber der Vertuschung schuldig gemacht. Außerdem verfolge er offensichtlich eine konservative Agenda. Ein Putsch gegen den regierenden Papst sei im Gange.

Die andere Seite sieht in Vigano den unbeugsamen Kämpfer für Moral und gegen homosexuelle Netzwerke in der Kirche, deren Existenz schließlich auch Papst Franziskus zugegeben habe. Ein zu schwersten persönlichen Opfern bereiter Whistleblower, dem es allein um die Kirche gehe, ein eiserner Besen in der Hand Gottes zur Reinigung Seiner Kirche.

Was auch immer Erzbischof Vigano antreibt, wie wahr oder falsch seine Anklage ist: Sie kann nicht unerwidert bleiben. Der Papst muss seinen Namen reinwaschen. Das ist er nicht nur seiner persönlichen Ehre, sondern der Weltkirche in dieser für sie ungeheuer schwierigen Stunde schuldig. Damit ist ausgeschlossen, wie in der Frage der Dubia zu schweigen und die Sache auszusitzen. Das „kein Kommentar“ auf dem Rückflug aus Irland kann nicht das letzte Wort gewesen sein. Eine Klärung der Vorwürfe müssten auch alle anderen Beschuldigten herbeiführen wollen, sollen die Gläubigen gegenüber der Kirchenführung wieder Vertrauen fassen.

Papst Franziskus geht gerade der schwersten Krise seines Pontifikats entgegen. Noch kann er sich aber der Sympathie der säkularen Medien sicher sein. Die Kritik Viganos an homosexuellen Netzwerken in der Kirche sorgt für natürliche Abwehrreaktionen in den Redaktionen. Man will nicht das Geschäft eines Homosexuellen-Feindes betreiben. Insofern können der Papst und die anderen Beschuldigten mit medialem Wohlwollen rechnen, wenn sie sich erklären. Wäre Viganos Brief gegen Benedikt XVI. gerichtet gewesen: Die Pforten der medialen Hölle hätten sich geöffnet.