Leitartikel: Politik, Jugend und Glaube

Von Stefan Meetschen

LEITARTIKEL: Eine Kultur,  die vitalisiert

Weltjugendtage sind keine politischen Veranstaltungen, doch sie finden in einem politischen Umfeld statt. Selten war dies so spürbar wie beim 31. Weltjugendtag in Krakau, der am Sonntag mit einer großen Abschlussmesse auf dem „Campus Misericordiae“ (Feld der Barmherzigkeit) in Brzegi zu Ende gegangen ist.

Die Nachricht von dem islamistisch motivierten Mord an dem Geistlichen Jacques Hamel im französischen Saint-Etienne – ausgerechnet am WJT-Eröffnungstag – verbreitete sich schnell unter den bereits in Krakau anwesenden Gästen und veranlasste Dominique Lebrun, den Bischof von Rouen, zur zügigen Rückkehr in seine Diözese. Auch Papst Franziskus kam nicht umhin, schon während des Flugs nach Polen die angespannte politische Weltlage einzubeziehen und dabei zum wiederholten Mal das Wort „Krieg“ in den Mund zu nehmen. Klugerweise vermied er es, das Bedrohungsszenario, welches die islamistischen Terroristen mittlerweile auch in Europa etabliert haben, weiter anzuheizen. Den polnischen Sicherheitskräften, die in Krakau eine exzellente Arbeit leisteten, erleichterte dies den Dienst.

Dass das WJT-Gastgeberland Polen seit dem Regierungswechsel im vergangenen Herbst selbst ein internationales Politikum ist, zeigte sich teilweise bei den medialen Reaktionen auf die – insgesamt – sehr zurückhaltenden Ansprachen des Papstes. Trotzdem war es gut, dass Vatikan-Pressesprecher Federico Lombardi im Laufe der Veranstaltung durch ein Interview mit Radio Vatican unterstrich, dass es keineswegs die Absicht des Papstes gewesen sei, Kritik an der Flüchtlingspolitik Polens zu üben.

Eine solche Kritik wäre auch ein Verstoß gegen das Neutralitätsgebot des Vatikans gewesen und hätte angesichts der elektrisierenden Gastfreundschaft der Polen beim Weltjugendtag deplatziert gewirkt. Gerade die vielen WJT-Teilnehmer aus Deutschland, die – wie Bischof Ulrich Neymeyr, der stellvertretende Vorsitzende der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz, bei der Pressekonferenz zum Abschluss des Weltjugendtages in Krakau betonte – vor allem bei Gastfamilien untergebracht waren, kamen in den Genuss dieser polnischen Tugend.

Ebenso aber auch die WJT-Teilnehmer aus Syrien, die im Rahmen des Programms, aber auch in den polnischen Medien ein beeindruckendes Zeugnis für ihren Glauben und ihre Heimatverbundenheit gaben. „Wenn die eigene Mutter krank ist, verlässt man sie nicht“, sagte eine syrische Gläubige und lehnte damit das Angebot, in Europa zu bleiben, ab. Wie eng die leidende Kirche des Nahen Ostens und die mitleidende Kirche des Westens zusammengerückt sind, dokumentierte auch eine Videobotschaft von Gläubigen aus Aleppo an den Papst.

Bleibt die Frage, was für einen spirituellen Ertrag der WJT 2016 angesichts einer solchen Fülle von politischen Themen haben kann: Was nehmen die jungen Menschen und geistlichen Begleiter mit in ihre Gemeinden und Gemeinschaften? Wie nachhaltig sind die Früchte, die auf dem Feld der Barmherzigkeit gepflückt wurden? Ist die kirchliche Lehre der Barmherzigkeit im Kontext des Terrors überhaupt relevant? Kardinal Zenon Grocholewski, der frühere Präfekt der Kongregation für das Katholische Bildungswesen, meint: „Die Lehre der Kirche ist in dieser Zeit des Terrors so aktuell wie immer.“