Leitartikel: Parkplätze für Kleinkinder

Von Jürgen Liminski

Jürgen Liminski. Foto: Archiv
Jürgen Liminski. Foto: Archiv

Es war bezeichnend für die Gesamtdebatte zum Thema „Erziehung, Kitas, Eltern“: Der Bericht der Familienministerin zur Krippensituation wurde kurz durch die Wahlkampfmaschine geschreddert und dann zog die Medienmeute weiter, immer auf der Suche nach neuen Skandalen. Mit einer seriösen Debatte hat das nichts zu tun. Dabei wäre es dringend nötig, eine Qualitätsdebatte über Krippen in Deutschland zu führen. Doch das macht keiner. Es reicht nicht, nur die Anzahl der Plätze zu erhöhen. Wir reden nur über die Quantität des Krippenausbaues, als ob es mit einer bestimmten Anzahl von Plätzen dann getan sei. Wo bitte bleibt die Auseinandersetzung über die Qualität der Betreuung? Darauf käme es entscheidend an, wenn es wirklich um die Kinder geht.

Ohne Qualität in der Betreuung werden Krippenplätze zu Parkplätzen für Kinder, damit junge Mütter – so stellen sich viele Manager und Verbandsfunktionäre der Wirtschaft sowie ihre Freunde im Politik- und Medienbetrieb das vor – dem eigentlichen Sinn ihres Daseins nachgehen können, nämlich der Erwerbsarbeit. Und zwar ganz unabhängig davon, ob Mütter das selbst wollen oder nicht.

Sicher, da blitzte mal für einen kleinen Moment so etwas wie ein Qualitätsmoment auf, als die Rede vom Verteilerschlüssel zwischen Kleinkindern und Erzieherinnen war. Eins zu drei sagt die Wissenschaft, man könne notfalls auch bis eins zu fünf gehen. Fünf Kinder auf eine Erzieherin – viele Krippen und Kindergärten wären glücklich über solch ein Verhältnis. Davon sind wir in vielen Fällen weit entfernt. Dabei braucht es keine großartigen Studien, um zu diesem Ergebnis zu kommen. Kinder bis zwei, drei Jahren lechzen nach emotionaler Zuwendung. Die emotionalen Tanks werden meist über den Augen- oder Hautkontakt gefüllt (übrigens auch in späteren Jahren). Man kann das beim Stillen sehr gut beobachten. Da wird das Baby doppelt ernährt: einmal biologisch durch die Muttermilch, zum zweiten psychologisch. Auch nach der Stillzeit, wenn das Baby die Flasche bekommt, ruht es im Arm von Mutter oder Vater und schaut ihnen beim Trinken in die Augen, es wird mit Liebe „versorgt“. Das kostet Zeit und Zuwendung, besser: hier wird viel Zeit und Liebe für das einzelne Kind investiert.

Das kann eine Erzieherin nicht leisten, wenn sie mehr als vier, fünf gleichaltrige Kinder unter drei Jahren betreut. Deshalb dürfen Tagesmütter in Frankreich nur maximal vier Kinder, einschließlich der eigenen, betreuen. Und diese Tagesmütter werden auch ausgebildet. Auch die Erzieherinnen in Deutschland durchlaufen eine Ausbildung. Aber die müsste aufgewertet werden, ebenso das Gehalt für diesen wichtigen Beruf. Selbst die numerisch bestimmte Anfangsdiskussion geht an der wirklichen Qualitätsdebatte vorbei. Der Aufteilungsschlüssel gibt ja nur das Maß der Anforderung an, er sagt nichts aus über die Qualität der Betreuung. Kurzum: Deutschland braucht mehr und besser bezahlte Erzieherinnen. Die wird man nicht bekommen, wenn man nicht massiv investiert. Aber darüber denkt niemand nach, nirgends ist in irgendeinem Budget ein Posten dafür vorgesehen. Solange sich das politisch-mediale Establishment der Qualitätsdebatte verweigert, wird es beim Basteln an Parkplatzanlagen bleiben.