Leitartikel: Papst und Gegenpapst?

Von Guido Horst

Guido Horst
Guido Horst. Foto: DT

Die Nerven liegen blank. Anders kann man es wohl kaum erklären, dass mancher die Botschaft des emeritierten Papstes zum Requiem für Kardinal Joachim Meisner als Kritik am gegenwärtigen Pontifikat von Franziskus verstanden hat. Da hilft es auch nicht, dass Erzbischof Georg Gänswein diesen Verdacht gegenüber einer italienischen Zeitung sofort zurückgewiesen hat. Zu vorgefasst sind da die Meinungen, wie es derzeit um den inneren Zustand der Kirche bestellt ist. Dass Benedikt XVI. Meisner als einen glaubensfesten Mann würdigte, der darauf vertraute, „dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist“, ist wirklich vollkommen unverdächtig, wenn man bedenkt, dass Joseph Ratzinger das Bild von der bedrängten Kirche als Schifflein in unsicheren Gewässern schon oft benutzt hat, nicht nur als Papst, sondern auch schon vorher als Theologe und Kardinal. Es gehörte bereits zu den Grundeinsichten des jungen Gelehrten, dass die Kultur des Relativismus auch in die Kirche hineingeschwappt ist und einst feste Gewissheiten unterspült hat. Diese Analyse ließe sich leicht anhand konkreter Beispiele untermauern. Aber bei der ganzen Aufregung um diesen einen Satz des deutschen Papstes geht es wohl auch um etwas Anderes.

Unter Franziskus hat sich eine gewisse Lagerbildung in der Kirche, die auch schon unter Papst Benedikt und dessen Vorgänger, ja schon nach, auf und vor dem jüngsten Konzil unterschwellig da war, nicht nur weiter verfestigt, sie wird auch noch geschürt. Vergangene Woche haben das etwa die frei erfundenen fünf Fragen des Papstes an Kardinal Gerhard Müller bei der letzten Audienz für den noch amtierenden Glaubenspräfekten gezeigt. Da wird dann das unfaire Spiel betrieben, den jeweiligen Papst – den amtierenden und den emeritierten – als Galionsfigur der eigenen Position zu instrumentalisieren. Hier der alte Papst als universaler Lehrer des Glaubens, der „Veritatis splendor“, den „Glanz der Wahrheit“ verteidigt, dort der neue Papst als Pfarrer der Welt, der endlich Verständnis und Barmherzigkeit für den schwachen Menschen zeigt. Und wer spricht in diesem Zusammenhang von Jesus Christus, der in seiner Person beides, Wahrheit und Barmherzigkeit, vereinigt? Niemand. Es ist ein ideologisches Denken, das die Konstrukteure der Lagerbildung antreibt – egal, welchen Papst sie sich da auf die Fahne schreiben.

Für den emeritierten Papst Benedikt dürfte es bitter sein, feststellen zu müssen, dass es wohl kaum mehr möglich ist, für kurze Augenblicke den „Berg des Schweigens“ zu verlassen, auf den er sich zurückziehen wollte. Auch nicht, wenn es ein so verständlicher Anlass ist wie das Abschiedswort für den verstorbenen Freund Joachim Meisner oder eine so hehre Bitte wie die des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki, eine Botschaft zum Requiem zu schicken. Ein Papstrücktritt ist eben etwas Anderes als der Rücktritt des Managers eines großen Betriebs. Lagerbildungen hat es in der Kirche leider immer wieder gegeben. Von Anfang an („Ich halte zu Paulus... Ich zu Apollos!“, 1 Kor 3,4). Fasten, Beten und die Hilfe des Heiligen Geistes waren die Gegenmittel. Was es aber nicht braucht, ist ein Gegenpapst, den da manche aus dem Hut zaubern wollen. Da hört der Spaß dann wirklich auf.

Guido Horst
Guido Horst. Foto: DT