Leitartikel: Ökumene: Ein großer Bluff?

Von Guido Horst

Guido Horst
Guido Horst. Foto: DT
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Die gemeinsame Erklärung, die Franziskus und der Präsident des Lutherischen Weltbundes, Bischof Munib Yunan, in Lund unterzeichnet haben, enthält eine ernste Selbstverpflichtung. Nämlich im ökumenischen Dialog zwischen Katholiken und Lutheranern alles zu tun, um die Eucharistie dereinst als konkreten Ausdruck der vollen Einheit in einem Mahl empfangen zu können. Der Präsident des vatikanischen Einheitsrats, Kardinal Kurt Koch, denkt dabei an ein gemeinsames Dokument, das der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 vergleichbar wäre, und zwar zur Kirche, zur Eucharistie und zum Amt.

Das, was vom Start des Reformationsgedenken in Lund in Anwesenheit des Papstes als Signal ausgehen könnte, wäre also ein gemeinsames konkretes Ziel, das sich katholische Kirche und die Lutheraner für ihre ökumenischen Gespräche setzen. Doch schaut man auf das zurück, was seit der Rechtfertigungserklärung von 1999 in diesem Dialog erreicht worden ist, mag man die Botschaft aus Lund zwar hören, aber ihr nicht so recht glauben. Die damalige Unterschrift von Augsburg war das Ergebnis einer Steißgeburt, bei der namhafte protestantische Theologen aus Deutschland gegen die Erklärung Sturm gelaufen waren und nur unter der tatkräftigen Geburtshilfe von Glaubenspräfekt Kardinal Joseph Ratzinger und der Hinzufügung eines Anhangs und eines Annexes schließlich der Kompromiss gefunden wurde. Dann kam im Jahr 2000 die Erklärung „Dominus Iesus“ der vatikanischen Glaubenskongregation und das leicht fließende Wasser des ökumenischen Dialogs gefror wieder zu Eis.

Nötig wäre jetzt, zu einem gemeinsamen Verständnis von Ökumene zurückzufinden. Die katholische Kirche – siehe die Hoffnung von Kardinal Koch – will eine Einheit in Lehrfragen zwischen ihr und den Kirchen der Reformation. Die protestantische Seite will das nicht. Ihr würde – um es etwas vereinfachend auszudrücken – eine versöhnte Verschiedenheit von Schwesterkirchen genügen, die sich dennoch, trotz aller Differenzen in Lehrfragen etwa zu den Sakramenten oder dem Petrusamt, gegenseitig eucharistische Gastfreundschaft gewähren. Dass man zwischen eucharistischer Gastfreundschaft, so bei besonderen Anlässen für die Partner gemischt-konfessioneller Ehen, und einer eucharistischen Gemeinschaft als Frucht einer schließlich errungenen Kircheneinheit unterscheiden muss, auch darauf hat Kardinal Koch in Schweden hingewiesen. Aber ist das den Protestanten beziehungsweise ihren führenden theologischen Schulen wirklich so wichtig?

Das soeben begonnene Luther-Jahr wird es zeigen. Es wird viele ökumenische Begegnungen geben, viele Feierlichkeiten, auf denen von protestantischer Seite vieles zu hören sein wird. Auch zur Zukunft der noch gespaltenen Christenheit, zum ökumenischen Dialog und – wenn man Glück hat – zu ganz konkreten theologischen Fragen. Man muss also nicht wieder siebzehn Jahre warten – solange hat die Arbeit an der Gemeinsamen Erklärung von Augsburg gedauert –, sondern nur die zwölf Monate des Reformationsgedenkens. Dann wird man wissen, ob die Unterschrift von Lund eine ernst gemeinte Absichtserklärung war – oder nur ein dem Luther-Jahr geschuldeter Bluff.