Leitartikel: Nützliche Wahrheiten

Von Jürgen Liminski

LEITARTIKEL: Saubere Lösung: Neuwahlen

Lenin, der von der Wahrheit in der Politik bekanntermaßen nicht viel hielt, schrieb einmal seinem Weggefährten Tschitscherin über die Europäer den spöttischen Satz: „Die Wahrheit zu sagen ist eine kleinbürgerliche Gewohnheit“. So wie es aussieht ist vielen Kleinbürgern in Europa, auch in Deutschland, diese schöne Gewohnheit abhanden gekommen. Das mag auch daran liegen, dass viele nicht mehr wissen, was unter Wahrheit zu verstehen ist und was unter Lüge. Also gehen sie der menschlichen Gewohnheit nach, das zu verbreiten, was ihnen persönlich gerade nützlich ist. Ein persönlicher Utilitarismus hat Wahrheit und Aufrichtigkeit weitgehend ersetzt. Das ist ein altes Phänomen, um nicht zu sagen eine alte Versuchung der Politik. Die Neigung, die Wirklichkeit durch die Brille persönlicher Interessen wahrzunehmen, durchzieht die Geschichte und hat sie nicht selten bestimmt, siehe Lenin. Im Zeitalter der Mediendemokratie, in der gelegentlich die fließenden Übergänge zwischen Nützlichkeit und Wahrheit beleuchtet werden, funktioniert das nicht mehr so reibungslos und kann auch gefährlich sein, siehe Wulff.

Allerdings können auch die Medien selber dem Nützlichkeitsdenken unterliegen. Aber zurück zum Fall Wulff selbst: Der Bundespräsident bewegt sich in einer bedenklichen Grauzone, gelogen hat er nicht, jedenfalls wenn man die klassische Definition von Lüge heranzieht wie sie Augustinus formulierte: Eine Lüge ist eine Aussage mit dem Willen, Falsches auszusagen (mendacium est enuntiatio cum voluntate falsum enuntiandi). Die ganze Wahrheit aber hat Wullf auch nicht gesagt, er hat mit dem Unternehmerfreund auch über den Kredit gesprochen, den er von dessen Frau dann bekam. Daraus nun Schlagzeilen wie „Wulff wankt“ zu zimmern oder ihn als einen „Präsident auf Pump“ und „falschen Präsidenten“ zu bezeichnen, ist allerdings mit der üblichen Berliner Aufgeregtheit allein nicht zu erklären. Entweder Spiegel und Springer-Presse wissen mehr und wollen es nicht sagen, oder sie wollen Christian Wulff im Interesse anderer Ziele stürzen. Doch der Maßstab der Wahrhaftigkeit, mit dem hier Wulff gemessen wird, ist auch für viele seiner eifrigen Kritiker zu groß.

Vor gut zwanzig Jahren wies der aufrechte französische Publizist Jean Francois Revel in seinem Buch mit dem Titel „Das unbrauchbare Wissen“ auf das verzerrte Wahrheitsverständnis unserer politischen und medialen Elite hin. Und etwa zur gleichen Zeit schrieb der damalige Kardinal Ratzinger: „Der Verzicht auf die Wahrheit ist der Kern der Krise“. Ja, man muss die Wahrheit auch wollen (Max Weber) und wir brauchen Vorbilder, die diesen Willen verkörpern. Wulff gehört nur noch bedingt dazu. Auch ein Agieren in den Graunzonen haftet an Person und Amt. Gerade das Amt des Bundespräsidenten lebt von Integrität. Die Würde des Amtes ist ein hohes Gut.

Wulffs Verschweigen liegt aber vor seiner Zeit in Bellevue. Nur wenn er jetzt auf die Wahrheit verzichtet hat, verdient er die schöne Aussicht nicht mehr. Das wäre mit dem Selbstverständnis des Amtes nicht vereinbar. Manche Medien aber sollten auch sich selbst mal einer kritischen Prüfung unterziehen.