Leitartikel: Nebelschwaden trüben die Sicht

Von Guido Horst

Guido Horst
Guido Horst. Foto: DT
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Guido Horst. Foto: DT

Als sei der Wurm drin. Franziskus hat am Mittwoch die endgültige Ächtung der Todesstrafe durch die katholische Kirche erklärt, damit einen Prozess zum Abschluss gebracht, der bereits unter seinen Vorgängern begonnen hatte, und hat das unter anderem mit einem „anderen Bewusstsein im Volke Gottes“ begründet, das heute diese extremste Form der Bestrafung durch die öffentliche Gewalt ablehne. Und was macht der „katholische Untergrund“, also jener innerkirchliche Lagerstreit, der von der breiten Öffentlichkeit überhaupt nicht mehr wahrgenommen wird? Er stellt sofort die Frage, ob eine solche Entwicklung der katholischen Lehre und des Bewusstseins im gläubigen Volk nicht auch die Kommunionzulassung der wiederverheirateten Geschiedenen betreffen könne. So geschehen – wie so oft – in einem sofort im Anschluss erschienenen Artikel von Andrea Tornielli im Online-Dienst „Vatican Insider“ der Turiner Tageszeitung „La Stampa“, der suggerieren möchte, dass bereits Johannes Paul II. den Weg vorgezeichnet habe, der zu den Bestimmungen im achten Kapitel von „Amoris laetitia“ führte, zivil Wiederverheiratete im Einzelfall auf einem von einem Seelsorger begleiteten Weg der Umkehr und Läuterung die Zulassung zu den Sakramenten zu gewähren. So sehr also hat die Debatte um „Amoris laetitia“ schon die Geister geprägt, dass alles, was von Papst und Kirchenoberen zur Entwicklung und Entfaltung der kirchlichen Lehre gesagt wird, direkt auch auf diese mit dem synodalen Prozess zu Ehe und Familie aufgeworfene Frage bezogen wird.

So hat es aber auch der von Franziskus mehrfach zum Deuter und Erklärer von „Amoris laetitia“ bestimmte Kardinal Christoph Schönborn getan, als er jetzt in einem von der österreichischen Nachrichtenagentur „Kathpress“ veröffentlichten Interview zum 25-jährigen Bestehen des Katechismus der Katholischen Kirche erklärte, dass der dritte Teil des Katechismus, der über die Moral handelt, genau die Voraussetzungen liefere, die Papst Franziskus dann in „Amoris laetitia“ zur Geltung bringe. Denn im Moralteil des Katechismus werde immer auch der Blick „auf den Weg des Menschen gerichtet, auf die Bedingtheit menschlichen Handelns, menschlicher Freiheit, menschlicher Verantwortung, auf die Lebensumstände und die konkrete Situation, in der das sittliche Handeln des Menschen stattfindet“. Es sei ein „Durchbruch“ gewesen, dass der Katechismus hier das Augenmerk stärker auf das konkret handelnde Subjekt richte, „also auf die handelnde Person, und nicht nur auf die Objektivität der Normen“. Wie das aber zum Wortlaut des Katechismus passt, sagte Schönborn nicht. Denn in dem Artikel 1665 sagt das Glaubenskompendium ganz klar: „Geschiedene, die zu Lebzeiten des rechtmäßigen Gatten wieder heiraten, verstoßen gegen das Gesetz Gottes ... Sie sind zwar nicht von der Kirche getrennt, dürfen aber die heilige Kommunion nicht empfangen.“ Und war es überhaupt so, dass die Seelsorger der Kirche vor dem Weltkatechismus beziehungsweise vor „Amoris laetitia“ die menschliche Bedingtheit, Freiheit und Lebensumstände überhaupt nicht beachtet haben, sondern nur die Objektivität der Normen? Die Lehre der Kirche entfaltet sich. Damit wird sie klarer. Aber beim Streit um „Amoris laetitia“ ist das Gegenteil der Fall: Rhetorische Nebelschwaden trüben die Sicht.